»Der Herr scheinen die neuen Colonietreppen noch nicht gewöhnt zu sein,« sagte Jeremias, der unten an der Treppe stand und mit einer seiner zierlichsten Verbeugungen den Hut abnahm — »haben sich doch nicht etwa Ihre werthen Arme oder Beine gebrochen?«
»Verfluchte Treppe!« brummte Herr von Reitschen, indem er sich kaum vom Boden zu heben vermochte, ohne daß ihm Jeremias jedoch die geringste Hülfe geleistet hätte — »eine schöne Ordnung hier im Hause, daß man nicht einmal sicher die Stiege betreten kann!«
»Schade um die hübsche Hose,« sagte Jeremias, auf das zerrissene Kleidungsstück deutend — »aber wenn's Bein nur ganz ist.«
Der neue Director hörte ihn nicht mehr und verließ hinkend das Haus, Jeremias aber stieg, vergnügt vor sich hin pfeifend, die Treppe wieder hinauf, holte dort einen Hammer und Holzstift, welcher letztere genau in die Stelle paßte, wo einer im Seitenbret fehlte, und hatte den Schaden in wenigen Minuten vollständig ausgebessert.
Der nächste Tag war ein lebendiger in der Colonie, denn während Sarno mit Herrn von Reitschen in dem Directionsgebäude arbeitete und wirthschaftete, schien indessen jede wirkliche Beschäftigung in dem Städtchen aufgegeben zu sein, und die Männer schlenderten in den Straßen herum oder saßen in den Wirthshäusern, theils die neuen Soldaten zu betrachten, theils sich ihre Bemerkungen über diesen, Keinem willkommenen Zuwachs mitzutheilen.
Und was war jetzt der neue Director für ein Mann, und weshalb hatte man ihnen den alten eigentlich nicht gelassen? Jetzt, da sie ihn verlieren sollten, fiel ihnen auf einmal Allen ein, daß er doch ein ganz tüchtiger und braver Mann gewesen, der es mit den Colonisten wirklich gut gemeint, und wie sich der neue zu diesen stellen werde, wußte man ja noch gar nicht. Außerdem war er ein Baron, kein Bürgerlicher, wie Sarno, und hatte sich auch gleich bei dem Baron Jeorgy einquartiert — weshalb ging er nicht in's Gasthaus, meinte Bohlos, denn wozu wären denn die Gasthäuser eigentlich da, wenn die Fremden nicht darin wohnen wollten?
Die vorläufige Unterbringung der Soldaten hatte ebenfalls ihre Schwierigkeit, denn kein Deutscher wollte diese Burschen, die nirgends in dem besten Rufe stehen und außerdem entsetzlich schmutzig und roh sind, in Quartier nehmen. Es blieb also zuletzt in der That nichts Anderes übrig, als sie vor der Hand in das Auswanderungshaus zu legen, obgleich hier schon zwei aus einer andern Colonie herübergekommene Familien einquartiert lagen. Den Colonisten wurden indessen von Herrn von Reitschen bedeutet, daß es nur für ganz kurze Zeit sei, da die Leute selber schon am nächsten Tage daran gehen sollten, Hütten für sich in der Nähe des Flusses zu errichten.
Nachmittags vier Uhr hatte Sarno seine Geschäfte mit dem neuen Director, so weit das bis zur vollständigen Übernahme geschehen konnte, beendet, als Könnern, der einen kleinen Ausflug in das innere Land gemacht, vor seiner Thür hielt, abstieg und zu Sarno hinauf ging.
»Sie kommen gerade recht,« rief ihm dieser lachend entgegen, »um Ihr eigenes Gepäck zusammen zu packen und mit mir auszuziehen. Wir sind Beide auf die Straße gesetzt.«
»Also ist es wirklich wahr?« sagte Könnern kopfschüttelnd — »ich hatte schon draußen vor dem Orte davon gehört, und der Herr, der mir da eben in der Thür begegnete…«