Herr von Pulteleben war außer Helenen noch der Fleißigste der Familie, zu der er sich jetzt vollkommen zu zählen schien, und besonders veranlaßte ihn dazu wohl die schon merkliche Abnahme seines kleinen Capitals, das noch dazu nicht Alles in den Ankauf von rohem Tabak und die Bezahlung der Arbeiter gesteckt war.

Die Frau Gräfin hatte, da der schon so lange erwartete Wechsel angeblich noch immer nicht eingetroffen (er war in der That angekommen, aber auch augenblicklich verausgabt worden, um nur die dringendsten Gläubiger zu befriedigen), einige kleine Anlehen gemacht, um, wie sie Herrn von Pulteleben sagte, besonders Helenens Garderobe in Etwas zu restauriren und dann einige andere höchst nöthige Verbesserungen in ihrer Wirthschaft zu treffen, und die Einnahme der fertigen, aber noch nicht abgelagerten Cigarren stellte sich außerdem als viel geringer heraus, als man im Anfang erwartet haben mochte.

Herr von Pulteleben begann nachzudenken. Die ersten Zweifel stiegen in ihm auf, ob er hier auf brasilianischem Boden wohl auch gleich die richtige Speculation getroffen habe, in sehr kurzer Zeit ein reicher Mann zu werden, und zwar ohne fremde Hülfe, aus eigener Geistesfähigkeit und Ausdauer — denn das mitgebrachte und ebenfalls nicht selber verdiente Geld rechnete er natürlich gar nicht. Hinter dem Allem aber schwebte freilich das Bild Helenens, deren Reize einen unwiderstehlichen Zauber ausübten und ihn noch immer nicht recht zur Besinnung kommen ließen.

Hatte er sich gleich im ersten Augenblick von ihrer lieblichen Erscheinung gefesselt gefühlt, so festigte sich das Band, das ihn zu ihr hinzog, mit jedem Tage mehr und mehr, trotzdem ihm das schöne Mädchen nicht die geringste Ermuthigung gab, an eine gegenseitige Neigung glauben zu dürfen. Sie war stets mehr höflich und artig als freundlich gegen ihn; sie ging, so muthwillig sie auch sonst sein konnte, nie auf die Scherze ein, die Oskar oft in kindischer Ungezogenheit mit ihrem neuen Hausgast trieb, denn Oskar war nicht gewohnt, irgend eine Verbindlichkeit gegen Jemanden in der Welt anzuerkennen, selbst nicht einmal gegen seine eigene Mutter. Helene aber wußte, daß sie Alle dem Fremden Dank schuldig seien, sie, wenn auch nur für den Augenblick, aus einer Lage befreit zu haben, in die sie die unbedachte und zwecklose Verschwendung ihrer Mutter gebracht; aber sie fühlte sich dadurch gedrückt, denn Herr von Pulteleben war keine Persönlichkeit, der sie mit freudigem Herzen Etwas hätte danken mögen.

Arno von Pulteleben legte aber selbst diese oft nur kalte Höflichkeit stets zu seinen Gunsten und seinen eigenen Wünschen gemäß aus, denn er besaß eine vortreffliche Meinung von sich selber, und hatte ihn der Rangesunterschied bei dem ersten Begegnen auch etwas schüchtern gemacht, so schwanden diese Bedenken immer mehr und mehr, als er erst einmal die Überzeugung gewann, daß die gräfliche Familie, vor der Hand wenigstens, nicht die ihrem Rang entsprechenden Mittel besaß, und die Frau Gräfin selber auf das Herablassendste seine pecuniäre Hülfe in Anspruch nahm.

Die Sache hatte aber trotzdem ihren Haken; denn wenn sie mit ihrem Geschäfte wirklich nicht reussirten, ehe der fabelhaft lange ausbleibende Wechsel der Frau Gräfin ankam, so konnte er in eine Lage kommen, die ihm viel zu fremd war, um sich vor der Hand auch nur selber hineinzudenken; denn was er auch immer der Gräfin von dem seiner daheim noch wartenden Vermögen erzählt haben mochte, selber hegte er keineswegs die großen Erwartungen, die er in ihr erregt hatte. Desto fester aber glaubte er an eine freundliche Mythe, die, in dem Kopfe der Frau Gräfin entsprungen, ein sehr bedeutendes Rittergut in Ungarn zur Basis hatte, das jetzt durch ihren Anwalt verkauft wurde, und dessen Ertrag dann ohne Weiteres an sie übermacht werden sollte.

Die Frau Gräfin hatte ihm das eines Tages, als sie allein beisammen waren, unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitgetheilt, denn Helene sollte nichts von dem Verkaufe wissen, weil sie kindischer Weise noch zu sehr an dem alten Stammgut hing.

Bis diese Gelder aber ankamen, mußte mit dem noch vorhandenen und allerdings schon sehr zusammengeschmolzenen Capital gewirthschaftet werden, und obgleich er selber Nichts in der Welt weniger als Geschäftsmann war, konnte er sich doch nicht verhehlen, daß ihre Ausgaben mit ihren Einnahmen auch nicht in dem geringsten Verhältniß standen. Ging die Sache also noch lange so fort, so mußte die Zeit eintreten, in welcher seine Baarschaft verausgabt war — und was dann? Er beschloß deshalb, ganz ernsthaft mit der Frau Gräfin zu reden — er war ihr das ja sogar schuldig — und sie konnten dann gemeinsam einen Plan entwerfen, wie — ja, er wußte eigentlich selber noch nicht recht, über was — aber das ergab sich dann ja auch schon in der Unterhaltung.

Es waren, wie schon gesagt, heute Morgen wieder frische Proben von Blättertabak eingesandt worden, und während Helene allein in ihrer Stube, mit ihrer Arbeit und ihren Gedanken beschäftigt, saß, hatte die Frau Gräfin mit Jeremias den Tabak geprüft und die Sorten ausgesucht, welche sie für die besten zur Bearbeitung hielten. Damit im Reinen, wurde Herr von Pulteleben gerufen, um zu einer abgemachten Sache seine Zustimmung und dann, die Hauptsache, die schriftliche Ordre zum Ankaufe zu geben, da die Frau Gräfin die etwas unangenehme Erfahrung gemacht hatte, ihre eigene Handschrift in der Geschäftswelt nicht besonders respectirt zu sehen.

Oskar lag auf dem Sopha, rauchte eine von ihm selbst gewickelte Cigarre und pfiff in den Pausen eines von Helenens Liedern. Was kümmerten ihn die Geschäfte!