Was für ein merkwürdiges Gefühl das ist, so unmittelbar am Rande der bäumenden Wogen, im ungewissen, dämmernden Lichte des Morgens hinzureiten, und wie wunderbar das Meer selber aussieht, das mit seinen weiten, weißen Wogenkämmen sich wie eine lebendige Mauer gegen den Wanderer heranwälzt!
Dieser ganze Theil der brasilianischen Küste bietet bis Rio Grande hinunter, mit Ausnahme weniger Flußmündungen, keinen einzigen Platz, wo ein Schiff geschützt liegen oder ankern könnte. Alles ist seichter Sandboden, welcher sich viele Hundert Schritte, oft halbe Legoas weit in das Meer hinausdehnt, und über den Untiefen rollt und bricht die See und wirft ihre Wogen schäumend und donnernd gegen den nackten Strand.
Und wie das Meer leuchtet und wühlt und glüht und zischt, zurückweicht und wieder vorspringt und seine züngelnden Arme dem dahinsprengenden Thier oft bis unter die Hufe wirft!
Aber das Pferd, welches Günther ritt, war am Meeresstrande groß geworden. Trotzdem, daß es oft schien, als ob die nächste Woge Roß und Reiter bedecken müsse, trotzdem, daß ihm eine schwerere Woge manchmal die klare, zischende Fluth bis über die Fesseln jagte, kümmerte es sich nicht das Geringste darum, schnob wohl einmal und warf den Kopf wie unwillig auf und nieder, schlug aber gleich darauf den wieder frei gewordenen Sand nur desto kräftiger mit den ausgreifenden Hufen.
Und jetzt dämmerte der Morgen. Über die See herüber stahl sich das mattgraue, erste Licht des Tages und gab den aufgeworfenen Sanddünen zur Linken jene eigene gelbe Färbung, welche aus sich selber heraus zu leuchten schien. Breiter und breiter wurde der lichte Streifen im Osten, schon erglühten zur Linken die ferngelegenen und bewaldeten Gebirgsrücken, die sich in malerischen, kühn geschnittenen Ketten gen Norden zogen, und plötzlich, ehe die Nacht noch recht geschwunden, stieg wie glühendes Gold in riesenhaftem Umfang die Sonnenscheibe aus dem Meer empor und sandte ihre Strahlen über die erwachte Erde.
Und mit der Sonne begann das rege Leben der Thierwelt. Kleine langschnäblige Strandläufer kamen in ordentlichen Schwärmen von irgend einem Inlandwasser, an dem sie die Nacht verbracht, um sich ihre Nahrung in an den Strand gespülten Insecten zu suchen; eine gar wunderliche Art schnepfenähnlicher Vögel mit langen, zinnoberrothen Schnäbeln spazierte ebenfalls am Strande herum, als ob sie nur die Morgenpromenade zu ihrem Vergnügen machten, ärgerten sich über einige leichtsinnige Möven, welche von See aus zu ihnen herüber kamen, um sich ihrer Gesellschaft anzuschließen, und trieben sie augenblicklich wieder in die Flucht, während sie nur mitnahmen, was ihnen von Miniaturmuscheln und Seethieren gerade in den Weg kam.
Vor Günther am Strande strich ein einzelner großer Geier ein, der sogenannte »brasilianische Adler«, und schien sich ebenfalls sein Frühstück auf dem nackten Sande zu suchen. Aber er sah sich nicht lange und nutzlos nach angespülten Muschelthieren um, sondern ging gleich frisch an die Arbeit, das was er brauchte, aus dem Boden herauszugraben.
Mit den scharfen Fängen riß er den feuchten Sand auf und grub sich tiefer hinein, bis er, etwa vier Zoll unter der Oberfläche, auf eine dort eingesenkte Muschel traf. Der ansprengende Reiter störte ihn dabei nur wenig; er drehte den Kopf nach ihm um, hob dann die Muschel mit dem Schnabel heraus, setzte einen seiner Fänge darauf und riß sie auseinander, verspeiste den leckern Bissen, und flog dann um den indessen herangekommenen Reiter dicht herum, wo er sich gleich hinter dem Pferde wieder niederließ, um sein Frühstück in Ruhe zu beenden.
Wie wunderbar die Natur für ihre Geschöpfe sorgt und eines mit dem andern erhält; so hier den Geier mit dem Schaalthier, der sonst auf den weiten Sanddünen und im wilden Walde wohl nicht immer seine nöthige Nahrung fände! Und hilft ihm dabei der Instinct, zu welchem viele Menschen allein den wirklichen Verstand der Thiere gern herabdrücken möchten, um für sich selber etwas Apartes zu haben? Gott bewahre! Mit dem Instinct allein sollte er lange und oft vergebens graben, ehe er die kleinen, sicher versteckten Thiere tief im Sande fände, aber jede Muschel, die sich dort, um ihrer eigenen Nahrung nachzugehen, in den Sand hineingewühlt, braucht zu ihrer Existenz die Luft, und um die zu behalten, führt eine kleine Röhre an die Oberfläche, die zum Verräther ihres Aufenthalts wird. Der Geier nicht allein, vielleicht noch manche andere Bewohner der Seeküste wissen an den kleinen Löchern im Sande augenblicklich, was darunter steckt, und selbst der Mensch sucht in der Ebbe diese Stellen auf, um sich eine Quantität der wohlschmeckenden und mit leichter Mühe zu gewinnenden Muscheln zu sammeln.
Günther hatte das Alles freilich schon oft und oft gesehen. Wenn aber auch selber kein Jäger, interessirte er sich doch für das rege Leben und Treiben dieser kleinen, geschäftigen Thierwelt um sich her. Und wie viel todte Penguins lagen am Strande — man trifft so selten im Walde ein selber verendetes Thier, und hier, auf dem nackten Sande, lag fast alle zwei- oder dreihundert Schritt einer dieser wunderlichen Vögel todt und durch die Fluth auf's Trockene hinaufgeschoben. Waren sie in den Stürmen umgekommen, die neulich hier gewüthet? Der Penguin taucht aber wie ein Fisch. Möglich, daß sie der lang anhaltende Südwind zu weit nach Norden und in ein ihnen nicht mehr behagendes warmes Klima hineingejagt, denn keiner der Vögel zeigte Spuren, daß er von einem andern Thiere getödtet worden.