Und über die See zogen düstere Nebelstreifen, deckten den Strand und verhüllten die kaum erhobene Sonne, als ob es noch einmal Nacht werden wollte. Und wie das die ganze Scenerie so rasch und wunderbar veränderte: die niederen Hügel der Sanddünen hoben sich zu hohen, schattenhaften Gebirgszügen; die bäumenden Wogen zur Rechten wuchsen riesenhaft empor, als ob sie das ganze Land überfluthen wollten, und dem Reiter schien es, als ob sich der harte Strand, auf welchem sein Roß dahinflog, vor seinen Füßen selbst zu einem steil niederführenden Hange abdache, daß er sich fast unwillkürlich im Sattel zurücklehnte, um ein Rückgewicht gegen die niedertretenden Hufe des Pferdes zu haben.
Und immer massenhafter lagerten sich die Schwaden über den öden Strand, immer dichter umgaben sie den Reiter mit ihrer feuchten, kalten Hülle. Da hob sich vor ihm ein lebendiger Gegenstand. Es waren zwei mächtige, weiße Schwäne, die vor ihm herstrichen eine lange Zeit, und dann nicht weit voraus, wie Schatten, wieder mitten zwischen die schäumenden Brandungswellen einfielen. Jetzt kam die Woge heran und überschlug sich; aber dicht vor dem zerfließenden Gischt schaukelten die majestätischen Vögel, und hoben sich erst wieder, als der Reiter sich ihnen nahte, um weiter nach vorn dasselbe Spiel zu wiederholen.
Weiter sprengte das Pferd, der Stelle auf's Neue nahend, wo sie schwammen und auf den Wogen schaukelten. Jetzt hoben sie sich noch einmal, aber kaum so hoch, daß sie die nächste Brandungswelle überfliegen konnten, und mit den breiten Schwingen strichen sie gerade gen Osten in das offene Meer und den Nebel hinaus, in dem sie spurlos, wie geisterhafte Schatten, verschwanden.
Günther hielt unwillkürlich sein Pferd an und sah ihnen nach, so lange er sie noch mit seinem Blicke verfolgen konnte. Ein eigenes, unheimliches Gefühl beschlich ihn; es war, als ob ihn selber in diesem Augenblicke, mit den verschwimmenden Gestalten der Schwäne, ein Verlust betroffen, als ob das nicht wilde, gleichgültige Thiere wären, welche ihn da flöhen, sondern liebe, traute Freunde, und er sie nun nie, nie in diesem Leben wiedersehen solle.
Und hat Euch noch nie im Leben ein solches Gefühl erfaßt? Ist Euch noch nie plötzlich das Blut zum Herzen zurückgetreten, als ob ein großes Unglück Euch bedrohe oder befallen habe, ohne daß man sich auch nur denken konnte, wo, wie und wann? Der Mensch hat solche Augenblicke, wo eine Geisterhand seine Nerven berührt, und seine Pulse selber stocken macht. Sie kommen und gehen, und wohl Dem, welchem sie nicht den kalten Reif zurücklassen auf seines Lebens Blüthen.
Lange, lange schon waren die Schwäne in dem düstern Nebel verschwunden, und noch immer starrte Günther in den leeren Raum, bis er sich ordentlich gewaltsam aus seinen Träumen riß. Das Pferd fühlte dabei die Sporen, und auf den Hinterbeinen herumfahrend, flog es gleich darauf in scharfem Galopp den Strand entlang.
»Unsinn!« murmelte der Reiter dabei vor sich hin, und schüttelte ärgerlich mit dem Kopfe; »wie man so tolle Dinge in's Hirn kriegen kann über ein paar Schwäne — und was die überhaupt hier im Salzwasser zu thun haben — hatte immer geglaubt, die hielten sich nur auf Flüssen und Binnenseen auf — ach, ich wollte, die Sonne schiene wieder und scheuchte die feuchten Schwaden fort, die Einem ordentlich mit Bleischwere auf der Seele lasten! Der Teufel hole die Gedanken!«
Und zu immer schärferem Ritte spornte er sein Pferd, daß dessen Hufe den Sand kaum berührten, als es mit ihm die ebene Bahn entlang flog, — aber die Gedanken ritten mit und trugen ihn hinüber in die Heimath, trugen ihn zu Allem, was er daheim verlassen und lieb und theuer im Herzen wahrte, daß er den Nebel nicht mehr sah und die riesenhaften Umrisse der Dünen und die brandenden Wogen auf dem grauen Strande. Und wie der Nebel plötzlich so rasch sich zertheilte, wie er gekommen, als ob ihn das wogende Meer aufgesogen hätte, die Sonne wieder hell und klar an dem vollkommen wolkenreinen Himmel stand, und ihre jetzt schon warmen Strahlen niedersandte, fühlte er selbst das nicht, und das Herz war ihm so schwer, so schwer und gedrückt, daß er kaum Athem holen konnte.
Und immer noch flog der Rappe die Bahn entlang, von den Sporen des Reiters unbewußt gestachelt, wenn er nur einen Moment in seiner Flucht nachlassen wollte, als plötzlich der zwar schmale, aber doch tiefe Ausfluß einer Lagune den wilden Reiter in ziemlich rauher Weise zur Besinnung brachte. Günther nämlich, gar nicht auf seinen Weg achtend, fand sich auf einmal dicht am Rande des Wassers, und im nächsten Augenblicke auch mitten darin, daß ihm die salzige Fluth über dem Sattel zusammenschlug, während sein keuchendes Thier wacker dem andern Ufer entgegenarbeitete. Erschreckt fuhr er ihm in den Zügel, aber es war zu spät, um jetzt noch die seichteste Stelle zum Durchritt auszusuchen; schon befand er sich inmitten des schmalen Ausflusses, und wenige Minuten später sicher am andern Ufer.
Doch was that's? Die Sonne schien warm, und seinem freilich etwas erhitzten Pferde hatte das frische Bad auch gewiß Nichts geschadet, denn diese halb wild aufwachsenden Thiere sind ja an derartige Dinge schon gewöhnt. Er stieg deshalb nur ab, entkleidete sich und rang das meiste Wasser aus seinem Anzuge sowohl, wie aus den Satteldecken des Pferdes, stieg dann wieder auf, um das weitere Trocknen der Sonne und der Seebrise zu überlassen, und trabte jetzt, aber bedeutend langsamer als vorher, den immer schmaler werdenden Strand entlang, wo er voraus schon, hinter den Dünen her, den blauen Rauch der nächsten Ansiedelung konnte aufsteigen sehen.