»Aber was hat das Alles mit jenem alten Mann zu thun?«
»Der Bankerott jenes Banquiers,« sagte Günther finster, »wurde durch die Flucht seines Cassirers herbeigeführt. In jener Zeit, wo fast kein Geschäft sicher war und die Kaufleute Alles einziehen mußten, was sie an Geld ausstehen hatten, nur um ihre Verbindlichkeiten zu decken, entfloh er eines Tages mit der Casse — man behauptet, mit mehr als hunderttausend Thalern — und konnte trotz der größten Mühe, die man sich gab, nicht wieder eingeholt werden. Einige der Gläubiger setzten damals Alles in Bewegung, um wenigstens den Ort zu erfahren, wohin sich der Verbrecher gewandt — es blieb Alles umsonst. Wir kamen allerdings einmal auf eine Spur, die nach Brasilien und sogar in diese Gegend führte, und ein Agent, der jenen Menschen kannte, wurde herüber geschickt, um die genauesten Nachforschungen anzustellen — aber ohne Erfolg. Da endlich heute…«
»Heute?« — wiederholte Könnern und fühlte, daß ihm das Blut wie Eis zum Herzen zurücktrat.
»Heute,« fuhr Günther leise fort — »begegnete ich ihm. Zu fest hatten sich seine Züge meinem Gedächtniß eingeprägt, denn daheim war ich oft in seinem Hause, an seinem Tische gewesen. — Auch er erkannte mich wieder — Sie sahen sein Erschrecken, das Erbleichen der Schuld, die ihm das Antlitz so weiß färbte, wie sie in ihrem Bewußtsein sein Haar gebleicht hat. Hätte es übrigens noch einer Bestätigung bedurft, so lieferte seine Frau dieselbe. Auch sie — die, wie man damals allgemein behauptete, die größte Schuld an ihres Mannes Verbrechen trug, ja ihn dazu allein verleitet haben soll — erkannte mich wieder, und wenn sie auch Beide kaum ahnen, wie elend sie mich damals gemacht haben, trieb doch die Furcht vor der endlichen Entdeckung das Blut aus ihren Wangen, die Kraft aus ihren Sehnen.«
»Entsetzlich, entsetzlich!« stöhnte Könnern und barg sein Angesicht in den Händen — »und meine arme, arme Elise!«
»Das arme Mädchen dauert mich!« fuhr Günther leise fort — »sie kann auch keine Ahnung von dem Verbrechen haben, denn sie war damals noch ein Kind. Der Schlag wird sie jetzt, mit dem vollen Bewußtsein der Schuld, um so furchtbarer treffen.«
»Und was wollen Sie thun?« fragte Könnern, rasch zu ihm aussehend.
»Ich weiß es selber noch nicht,« erwiederte Günther leise — »das Ganze brach so überraschend schnell herein, daß mir noch gar nicht Zeit geblieben, zu überlegen, zu denken. — Ich — wollte das eigentlich auch mit Ihnen besprechen, Könnern.«
»Mit mir?«
»Gerade mit Ihnen. Der alte Sünder verdient allerdings keine Schonung, denn er hat damals viele Menschen unglücklich gemacht, nicht mich allein — aber des Mädchens wegen die…«