»Wir hatten so viel Abhaltung, Herr Kollboeker.«
»Ja, ich kenne Eure Abhaltung schon, – Maulaffen feil halten, wenn ich den Rücken drehe. Eilen Sie sich ein bischen; in einer Viertelstunde bin ich wieder zurück, damit ich sie dann unterschreiben kann. – Also bis morgen Abend vor sieben Uhr, Behrens, denn pünktlich um sieben Uhr wird zugemacht. Bei mir geht Alles auf die Minute, und muß auch bei einem solchen Geschäft so gehen. Also auf Wiedersehen, Behrens. – Apropos, will der junge Mensch, den Ihr da bei Euch habt, auch mit?«
»Nein, Herr Kollboeker, das ist nur ein –«
»Na, gute Nacht Behrens, gehabt Euch wohl,« und ohne sich weiter um die Beiden zu bekümmern, verließ der Agent das Haus, es Behrens anheimgebend seine weiteren Maßregeln zu treffen, wie es ihm beliebe, – er wußte, daß das Gift jetzt wirkte.
Behrens war das gar nicht recht, denn er hätte am liebsten noch eine längere Zeit zum Überlegen frei behalten, auch wohl gern noch einmal mit dem Doctor gesprochen, und Andres, der bei der ganzen Unterredung auch nicht eine Sterbenssylbe gesagt oder gar einen Rath gewagt hatte, ging auch mit zurück. Der Doctor war aber noch nicht nach Hause gekommen, und Niemand wußte wann er wieder kam, da er, sehr ungleich dem Agenten Kollboeker, nichts auf die bestimmte Minute that, und in seinem Beruf auch nicht thun konnte.
Es war dabei schon spät geworden und Behrens mußte an den Heimweg denken, wenn er nicht in stockfinsterer Nacht nach Hause kommen wollte. Er nahm sich deshalb auch kaum Zeit, ein paar Bissen Brod und Käse mit Andres, der hier in gutem Verdienst stand, in der nächsten Restauration zu essen und ein Glas Bier dazu zu trinken, was ihm sein Vetter aufnöthigte, – dann wanderte er mit schwerem Herzen und von Zweifeln gequält den langen Weg nach Groß-Emmen zurück, um mit seiner braven Frau zu berathen, was sie nun thun, – ob sie bleiben und das bisherige karge Leben, das ihnen nur Noth und Mangel gebracht, fortführen oder auswandern sollten in ein fremdes, weit gelegenes Land, um die Heimath nie – nie wiederzusehen.
Und was hatte ihnen das Vaterland eigentlich bis jetzt geboten? Lieber Gott, sie verlangten ja wahrlich nicht viel, – nur leben wollten sie, – nur nothdürftig leben und sich satt essen und nicht ewig in Sorge und Angst sein, um das Nothdürftigste für sich und die Kinder herbeizuschaffen. Aber selbst das war der Mann in der letzten Zeit – und da noch ein Kind dazu gekommen – nicht mehr im Stand gewesen, zu erschwingen. Kinder sollten ein Segen sein, und sie wurden ihnen hier zur drückendsten Last, während noch außerdem die Frau an zu kränkeln fing, da sie in ihrem schwächlichen Zustand jeder stärkenden Nahrung und kräftigen Kost entsagen mußte.
»Schlimmer kann es dort auch nicht sein,« lautete auch zuletzt das Resultat der langen Verhandlung zwischen den beiden Gatten; schlimmer kann es nicht kommen, denn zu essen und zu trinken werden wir doch in dem fremden Lande haben und – wir brauchen nicht zu fürchten, daß unsere Kinder betteln gehen müssen, wenn ihnen der Vater einmal plötzlich wegsterben sollte.
Es ist das jene furchtbare Aussicht, die Tausende von braven, wackeren Menschen hinaus aus Deutschland in ein fernes Land treibt, und mit wie schwerem Herzen gehen sie fort! – O, wie gern, – wie gern wären sie daheim geblieben.