»Eure Sachen habt Ihr schon fortgeschickt?« rief der Doctor in blankem Erstaunen aus, »und noch keinen ordentlichen und anständigen Contract in den Händen?«
»Der Herr Kollboeker meinte das hätte bis dort Zeit.«
»Natürlich,« nickte der Arzt, »weil sie Euch jetzt sicher genug in der Tasche haben, denn Ihr lauft ihnen nun nicht mehr fort. Na, dann glückliche Reise, Freund. Wer nicht hören will muß fühlen« und ihm zunickend ging er ärgerlich die Straße hinab.
Behrens schaute ihm verdutzt nach. »Wer nicht hören will muß fühlen,« hatte der alte Herr gesagt, – sollte er denn wirklich einen dummen Streich gemacht haben? – Und jetzt waren die Sachen fort. Er hatte allerdings keinen freien Willen mehr und mußte nach, und daß er von dort nicht wieder zurück konnte, war ebenso gewiß. Ein Gutes hatte aber dieser Zwang trotzdem: er war endlich die Zweifel losgeworden die ihn bis dahin immer noch gequält. Jetzt, nachdem die Würfel gefallen, half auch kein Überlegen und kein Grübeln mehr, und zum ersten Mal, als er weiter schritt, hob er trotzig und entschlossen den Kopf, denn er fühlte die Kraft in sich, seine Familie mit Fleiß und Ausdauer – wo es auch sei und unter welchen Verhältnissen, eben so gut – und jedenfalls besser durchzubringen wie hier im Vaterland. »Es hat einmal so sein sollen,« tröstete er sich, »der liebe Gott hat's gewollt, und der wird uns ja auch schon weiter helfen.«
Von jetzt an betrieb er das Nöthige vor der Abreise mit Ruhe und Besonnenheit, und nur als der Abschied wirklich heranrückte, und seine Frau bitterlich weinend auf dem Wagen saß, den ihnen Einer der Bauern zur Verfügung gestellt um die zum Gehen noch zu schwache Frau fortzubringen, da liefen auch ihm die Thränen an den wetterbraunen Wangen nieder.
Ja, wär es ein stürmischer, regnerischer Tag gewesen, ein wildes Wetter, wo die Windsbraut über die Felder jagte und düstere Wolken den Horizont beengten, Behrens hätte sich vielleicht leichter hineingefunden, – aber der helle, warme Sonnenschein, die Lerchen jubelnd in der Luft, Glockengeläute vom alten Kirchthurm nieder, neben dem er die theuren Gräber ließ, und freundliche geputzte Menschen um sich her, die ihm Alle zunickten und den davon Ziehenden mit den Tüchern nachwinkten. Das faßte ihm das Herz wie mit eisernen Zangen, und Wald und Sonnenschein, Heimath und Freundesgruß schwammen in seinen Thränen zusammen, während es ihm war, als ob bei dem Geläute der alten, lieben Glocken Alles noch einmal zu Grabe getragen würde, was er je in der Welt verloren.
Aber auch das wich von ihm, – weit in der Ferne verhallten die Töne, über das rauhe Straßenpflaster der Stadt rasselte der Rüstwagen, und fremde, geschäftige Menschen umdrängten ihn, als er den Bahnhof endlich erreichte und nun für sich und all die Seinen denken mußte. Da war keine Zeit mehr, sich dumpfem Brüten hinzugeben; Herr Meier, aus Kollboeker's Geschäft, hatte die Beförderung der Auswanderer überkommen und schleppte ihn bald da, bald dort mit hin, um zunächst das mitgeführte Reisegepäck, dann ihn selbst und die Seinen unterzubringen. Und nicht lange, so läutete die Glocke das Zeichen zur Abfahrt, – die Maschine pfiff, und fort wurden sie gerissen durch das weite Land, der unbekannten Ferne entgegen.
Aber wie fremd kamen sich die Armen schon hier im eigenen Vaterland vor, wie sie nur erst die Marken ihres heimischen Dorfes hinter sich hatten. Da war kein bekanntes Gesicht mehr, auf das ihr Auge fiel, kein menschliches Wesen, das sich um sie bekümmert hätte oder nach ihnen gefragt. Nur die Bahnbeamten schoben sie manchmal, wenn der Zug gewechselt wurde, da und dort hinüber, und wollten wissen, ob sie auch ihre Fahrbillette hätten; dann ging's weiter, immer weiter, in eine endlose Ebene hinaus, mit Dörfern und Wiesen und blauem Himmel wie daheim, aber doch so fremd Alles, so entsetzlich fremd.
Tag und Nacht fuhren sie so durch; die Kinder, die sich Anfangs über die Reise gefreut, wurden ungeduldig und fingen an zu weinen, das Kleinste schrie viel, und die Mitpassagiere ärgerten sich darüber und sprachen oder lachten auch wohl untereinander. Endlich stiegen Leute ein die eine ganz fremde Sprache redeten, und Canäle durchzogen das Land, das fast nur aus grünen Wiesen bestand, auf denen zahllose Heerden weideten, – und zuletzt erreichten sie eine große mächtige Stadt an einem Strom, so breit, wie die Deutschen noch gar keinen in ihrer Heimath gesehen, und von hieraus mußten sie nun auf dem großen Wasser fahren, vor dem sich die Frau im Stillen immer gefürchtet hatte.
Wie ihnen Herr Kollboeker daheim gesagt, sollten sie auch hier einen Mann treffen, der sich ihrer weiter annehmen und ihre Beförderung auf das Schiff besorgen würde; wie der sie aber aus der ungeheuren Menschenmenge, die da auf und ab wogte, herausfinden konnte, begriff Behrens nicht, und noch stand er, das jüngste Kind auf dem Arm, während sich die anderen um ihn und die Mutter drängten, auf dem Perron, und sah rathlos und scheu in das ihn umtobende Gewühl hinein, als ein junger, sehr elegant gekleideter Herr auf ihn zukam und freundlich sagte: »Familie Behrens aus Groß-Emmen?«