»Den Garten sollt Ihr haben, Vater,« flüsterte da Fürchtegott, um ihn wenigstens in etwas zu beruhigen, »er hat's mir versprochen, er will Euch selber den Platz dazu aussuchen.«

Der Mann nickte nur schweigend und trostlos mit dem Kopf, und jetzt – jetzt erst, und wie lange zu spät, fühlte er, daß der Doctor daheim mit jedem – oh, mit jedem schweren Wort, das er ihm gesagt und ihn gewarnt hatte, Recht – furchtbar Recht gehabt.

Was wußte er selber denn von der Welt? Er, ein armer und unwissender Mann, aber ehrlich und brav und keinem Menschen etwas Schlechtes zutrauend, weil er selber dessen unfähig gewesen; war es da so schwer gewesen ihn zu betrügen? – und wie hatte ihm der Agent, der doch seiner Meinung nach die Verhältnisse hier genau kennen mußte, wenn er so viele Leute hier herüberschickte – er wäre ja sonst ein ganz gewissenloser Lump gewesen – wie hatte der ihm zugeredet, hierher zu gehen und sein Glück zu machen. Und was war es das er hier gefunden? Verkauft wurden sie, wie sie nur das Land betraten, öffentlich verkauft, wie eine Heerde Schlachtvieh, den Meistbietenden zugeschlagen, dann – genau so, wie gekauftes Vieh – zu Fuß in die heißen Berge getrieben, und nun? – nun waren sie Sclaven, wie die anderen Sclaven auch, und deshalb – deshalb mußten sie die alte, liebe Heimath, das Grab ihrer Eltern, die Stätte ihrer Jugend verlassen?

Wie trüb – wie entsetzlich trüb verging ihnen der Sonntag, und als die Frau das Essen aufsetzte – denn schon seit längerer Zeit bekamen sie nur Fleisch, Bohnen und Maniokmehl geliefert und mußten sich selber ihre Mahlzeiten kochen – mochte Keiner von ihnen auch nur einen Bissen davon anrühren. Aber was konnten sie thun? bei wem sich über ihr geschehenes Unrecht beklagen? Sie waren allein zwischen den fremden Menschen und mußten ertragen, was über sie verhängt wurde; einen anderen Ausweg gab es für sie nicht.

Am nächsten Morgen begannen die Arbeiten von neuem, – Monate lang, ohne daß die geringste Veränderung in ihrer Lage eingetreten wäre. Der andere Deutsche war allerdings einmal mit einem großen Transport Kaffee in Porto Seguro gewesen, und hatte dort einen deutschen Kaufmann getroffen, der sich da kürzlich niedergelassen. Da er zwei Tage im Hafen blieb, veranlaßte er auch denselben, bei dem dortigen Präfecten eine Klage gegen ihren Herrn anzubringen, hatte aber nichts damit ausgerichtet. Die Antwort lautete, daß die in Deutschland abgeschlossenen Contracte hier ihre Gültigkeit hätten; wäre etwas darin, das ihnen nicht gefiele, so sei das ihre eigene Schuld, warum hätten sie dieselben unterschrieben; sie wären von keinem Brasilianer je dazu gezwungen worden.

Auch den Garten bekam Behrens nicht, ob es der Herr gleich versprochen hatte; er erinnerte noch ein paar Mal daran, wurde aber immer auf die »nächste Woche« vertröstet, und die nächste Woche wollte nie erscheinen. Da kam eines Tages Hannchen nach Haus und berichtete, es sei von Porto Seguro ein deutscher Consul eingetroffen, der hier hergekommen wäre, um sich nach den Verhältnissen der deutschen Colonisten zu erkundigen, und jetzt zum ersten Mal brach ein Hoffnungsstrahl in die Nacht der Armen, denn der Herr war von den deutschen Regierungen beauftragt worden, sich seiner Landsleute anzunehmen, und der mußte und würde ihnen helfen.

Eine andere Trauernachricht brachte aber auch Hannchen mit, denn Senhora Almeira war recht schwer erkrankt und sie konnte auch nur wenige Minuten bei den Ihrigen bleiben, weil sie zurück mußte, um die Leidende zu pflegen. Sie war in der That nur auf einen Sprung aus dem Herrenhaus fortgelaufen, um den Eltern anzuzeigen, wer der eben gekommene Fremde wäre, damit sie sich vorbereiten könnten mit ihm zu sprechen.

Ein deutscher Consul! Endlich – endlich, jubelten die armen Leute. Sie hatten sich schon von den deutschen Regierungen vollständig verlassen und aufgegeben geglaubt, und ihnen doch jetzt so großes Unrecht damit gethan. Jetzt kam wirklich ein Beamter derselben hier in das fremde Land, um zu sehen, daß die armen Leute nicht ungerecht behandelt würden, – das war brav und gut, und Behrens ihnen recht von Herzen dankbar dafür.

An diesem Tage ließ der deutsche Consul sich freilich noch nicht bei den Auswanderern blicken, und sie wohnten doch eigentlich so dicht bei dem Herrenhaus – kaum etwa hundert fünfzig Schritt davon entfernt – aber freilich hatte er auch wohl viel mit Senhor Almeira zu sprechen, denn solche Herren haben immer sehr viel zu thun und müssen sich nach Allem ganz genau erkundigen, damit sie recht ausführliche Berichte abstatten können: morgen kam er gewiß, denn so viele Deutsche waren ja doch nicht auf der Plantage, – aber am nächsten Tag kam er auch noch nicht. Fürchtegott mußte sich erkundigen, ob er vielleicht am Ende gar wieder abgereist wäre, ohne sie zu sprechen, das war aber nicht der Fall. Die Herren sollten nur über Land geritten sein, um eine andere Hacienda zu besuchen, und hatten dabei einige Neger und Gewehre mitgenommen, – möglich, daß sie auch unterwegs jagen wollten.

Am dritten Tag kamen sie endlich zurück, müde von dem langen, beschwerlichen Ritt, und schliefen bis zum Diner, nach welchem natürlich keine Rede mehr von Geschäften sein konnte. Endlich brach der vierte Tag an, ein Sonntag, und Morgens um acht Uhr schon, noch in der Kühle des Tages, da die Sonne noch keine Zeit bekommen auf die Erde niederzubrennen, sahen sie die drei Herren den Weg her, der vom Herrenhaus zu ihnen führte, auf ihren Pferden angeritten kommen. Die Entfernung war allerdings sehr gering, und wie gesagt, kaum hundertfünfzig Schritte, aber in diesem Clima geht ein Weißer nicht gern auch nur die kleinste Strecke zu Fuß, weil man jede Anstrengung fürchtet. Arbeiter machten natürlich davon eine Ausnahme, denn Anstrengung war gerade ihr Beruf, und sogar den eben erst eingetroffenen weißen Frauen und Kindern hatte man damals zugemuthet, den entsetzlich weiten Weg von Porto Seguro bis hier heraus zu Fuß zurückzulegen.