Nicht weit von dort, wo sich Franz Behrens angesiedelt hatte, lag eine kleine schon bebaute Facienda, mit einem wohnlichen Haus darauf, die der jetzige Besitzer, der gern nach einer anderen Colonie übersiedeln wollte, weil sich seine einzige Tochter dorthin verheirathet, zum Verkauf ausgeboten. Die Summe war allerdings nicht unbedeutend und Behrens besaß durch die in Rio für ihn veranstaltete Sammlung wohl ein kleines Capital, aber nicht annährend genug um das zu zahlen – doch das schadete Nichts. Der Eigenthümer war selber ein wohlhabender Mann, der das Geld nicht nothwendig gebrauchte, und verstand sich gern dazu dem Käufer lange Termine zu stellen, in denen er das erstandene Grundstück abbezahlen konnte. Der Direktor ebenso, der ihnen jede in seinen Kräften stehende Hülfe zusagte, unterstützte sie im Anfang mit allem nothwendigen Ackergeräth, wie auch der Bruder in vielen Stücken aushalf und ihnen mit Rath und That beistand. Und jetzt erst gewann Behrens selber das vollständig verlorene Vertrauen wieder.


Die ersten Wochen allerdings war es fast als ob er gar keinen Theil mehr an den Arbeiten der Kinder nehmen wolle, und nur erst, wie er das die langen Jahre gewohnt gewesen, – auf den Negertreiber wartete, der sie zur gezwungenen Arbeit rief – aber das hielt nicht lange an. Mit der Zunahme seiner fast erschöpft gewesenen Kräfte, erwachte auch die alte Lust zum Schaffen in ihm, und noch war kein Monat vergangen als er das drückende Gefühl der Knechtschaft, das bis dahin auf ihm gelegen, vollständig abgeschüttelt hatte. Er konnte freilich nicht gleich fassen und begreifen daß das Land auf dem er jetzt – und nicht etwa mehr als er je gethan, arbeitete, mit dieser Arbeit in kurzer Zeit sein Eigenthum werden, und wenn er einmal starb, seinen Kindern gehören solle – Du lieber Gott, er war ja gar nicht gewohnt gewesen irgend etwas eigen zu haben, als sein eigenes Elend, aber endlich lebte er sich auch selbst dahinein, und mit welcher Lust und Liebe griff er von da an zu, und wie rasch kräftigte sich der fast aufgeriebene Körper.


Und dabei blieb es nicht; Hannchen heirathete zwei Jahre später einen jungen deutschen Bauer, der eine der größten Facienden in der ganzen Colonie hatte. Dieser aber unterstützte den Schwiegervater dafür auch durch ein halb Dutzend Milchkühe, die er ihm eines Morgens auf den Hof trieb und während die indeß auch sechzehn Jahre gewordene Lisbeth jetzt die häusliche Wirthschaft führte, hatte der Fleiß des alten Behrens wie seiner beiden Söhne sie so rasch vorwärts geschafft daß er, mit einigen glücklichen Erndten und guten Preisen, schon nach fünf Jahren das ganze Landgut freigearbeitet hatte.

Auch die andere Familie war in der Colonie untergebracht worden, und wenn sie auch nicht so rasch vorrückte wie Behrens mit Hülfe seiner erwachsenen Knaben, so lebten sie doch hier sorgenfrei und jedes Zwangs enthoben und sahen dabei wie sich ihre Umstände zusehens von Jahr zu Jahr verbesserten.

So waren denn wenigstens diese zwei Familien vom augenscheinlichen Verderben gerettet worden, dem sie sicher, in der Gewalt jenes gewissenlosen Sclavenhalters, entgegen gingen. Die freien schönen Colonien von Süd-Brasilien boten ihnen ein unbeschränktes Feld für ihre Thätigkeit und in einem gesunden Klima sahen sie einer frohen Zukunft entgegen.

Aber die Regierung konnte freilich nicht all den Unglücklichen helfen, die auf falsche und betrügerische Versprechungen hin thöricht genug gewesen waren, derartige Verträge mit den Sclavenhaltern der heißen Provinzen oder deren Helfershelfern, den hiesigen Agenten einzugehen. Wo ihr bestimmte und motivirte Klagen vorgelegt wurden, war sie im Stande, einzuschreiten, und das geschah nicht selten. Leider aber blieb das ähnliche Unglück von Tausenden, die in dem weiten Land zerstreut waren, ihr verborgen, und sie that das Einzige, was ihr da noch übrig blieb: sie ließ die Deutschen selber vor dem Abschluß solcher Parcerie-Verträge warnen.


Druck von Otto Wigand in Leipzig.