»Laß nur sein, Fürchtegott, wir wissen ja noch gar nicht wo es hinkommt. Erst müssen wir doch wieder verauktionirt werden.« Er kümmerte sich auch, in der Colonie selber angekommen, um gar nichts mehr und ließ die Kinder für Alles sorgen; nicht einmal nach seinem Bruder frug er. Der war todt – so hatte sich ihm der Gedanken wenigstens in der letzten Zeit in den Kopf gesetzt, und daß man ihm von allen Seiten freundlich begegnete, daß ihm die Colonisten, die bald die Leidensgeschichte des armen Mannes von den Übrigen erfahren, Lebensmittel in Masse brachten und ihn in einem kleinen freundlichen Hause einquartierten, nahm er eben ruhig, kaum dankend hin.

In der Leidenszeit hatte er noch, so viel es möglicher Weise ging, den Kopf oben behalten und für sich und die Seinen gedacht, jetzt aber, mit dem völligen Wechsel seines Lebens und der ruhigen Zeit an Bord war eine Art Erschlaffung eingetreten, und es bedurfte starker Mittel ihn daraus zu wecken – aber es geschah.

Sein Bruder lebte wirklich noch und in den besten Verhältnissen auf einer kleinen Seitencolonie, etwa zwei Stunden von Blumenau entfernt. Fürchtegott hatte das auch bald ausgekundschaftet und Hannchen indessen die Sorge für den Vater überlassend, war er hinausgeeilt um ihn aufzusuchen.

Franz, wie dieser hieß, eilte auch augenblicklich mit dem neugefundenen Neffen zurück nach Blumenau und unterwegs mußte ihm dieser die traurigen Schicksale seiner Familie ausführlich erzählen. Auch von dem Zustand des Vaters sprach er dabei, der jetzt theilnahmlos und ineinander gebrochen und nur still vor sich hinbrütend da sitze und von Nichts mehr wissen wolle. Bruder Franz aber nahm das sehr leicht. Solche derbe Naturen können gewöhnlich wohl gebogen aber selten geistig gebrochen werden – Carl Gottlieb war eben nur gebogen und den wollten sie schon wieder gerade bringen.

Rührend war das Wiedersehen der beiden Brüder. Behrens selber weinte wie ein Kind, und selbst dem wetterharten brasilianischen Landmann liefen die Thränen an den Backen nieder, als er die Jammergestalt vor sich sah. Er hätte ihn auch gewiß im Leben nicht wieder erkannt, aber er war auch praktischer Natur und gab sich nicht lange doch nutzlosen Gefühlsäußerungen hin.

Behrens mußte mit ihm hinaus auf die Facienda oder Farm, und dort selber ein Stück Land bekommen, daß er wieder Lust am Leben und – was bei ihm bis jetzt ja gleichbedeutend gewesen – am Arbeiten fand. Und was für rüstige Kräfte standen ihm dabei zur Seite. Fürchtegott sah jetzt allerdings elend genug aus, aber in vier Wochen sollte sich der schon wieder herausfüttern – Hannchen war ein prächtiges Mädchen geworden, und ja auch, selbst in Minas Geraes, immer gesund geblieben, der Christian konnte ebenfalls schon tüchtig mit zufassen, und die Lisbeth versprach vollkommen in Hannchens Fußtapfen zu treten. Mit vier solchen Kindern brauchte er hier Nichts zu fürchten, und wenn er selber auch keinen Schlag Arbeit mehr that. Hatte er früher für sie nach besten Kräften geschafft, so durften und mußten sie das jetzt auch für ihn thun, und Lust und Liebe dazu hatten sie ja Alle.

Und wie freundlich war das ganze Land hier, auf dem nicht die drückende Hitze lag, die ihnen in Minas Geraes und mitten in jenem engeingeschlossenen Thal, das Mark in den Knochen vertrocknet hatte. Es war Winter – Winter allerdings nicht wie bei uns mit Schnee und Eis, aber ein Winter wie in Deutschland der Monat Mai, mit erfrischenden Regen und kühlen, herrlichen Nächten und doch wieder heiteren sonnigen Tagen dazwischen.

Und wie heimelte sie das Land selber an. Nicht mehr von lauter widerlichen Negersclaven sahen sie sich umgeben, die in der fremden Sprache nur mit ihnen verkehrten. Nur deutsche so lang entbehrte deutsche Laute grüßten hier ihr Ohr und wohin das Auge fiel traf es auf freundliche, wohnliche Häuser, auf blühende Gärten, auf fruchtbare gutgehaltene Felder die den Wohlstand ihrer Eigenthümer bezeugten, und als sie endlich des Bruders Platz erreichten, wollten sie kaum glauben daß sie jetzt da wohnen sollten – wohnen einmal wieder wie Menschen und von wackeren Verwandten geliebt und gepflegt.

Die Colonie Blumenau ist in der That eine der bestgehaltensten und am Besten bewirthschafteten in ganz Süd-Brasilien. Der Direktor dort, der Dr. Blumenau hat auch fast sein ganzes Leben daran gewandt sie zu pflegen und emporzubringen und da die brasilianische Regierung sogar ein Verbot gegen Sclaverei in diesen deutschen Colonien erlassen hat, behält die freie Arbeit nicht allein ihren Werth, sondern die Deutschen sind auch der unangenehmen Gesellschaft der Neger enthoben, von denen sich nur Einzelne, aber ebenfalls frei, als Dienstboten unter ihnen aufhalten.

Franz Behrens, während er den Bruder vor der Hand vollkommen sich selber überließ, sorgte indeß für ihn und ging selber zum Direktor um mit diesem zu berathen wie der Familie am Besten und Leichtesten geholfen werden könne, und wo ein Wille ist, giebt es auch gewöhnlich ein Mittel.