Zwölftes Capitel.
In der Colonie Blumenau.
Schluß.

Der kleine Dampfer, der die armen mißhandelten deutschen Arbeiter nach dem südlichen Theil des Reiches also in ein kälteres und auch weit gesünderes Land führen sollte, brauchte doch mehrere Tage ehe er selbst nur Rio de Janeiro, die Hauptstadt erreichte, und die Deutschen, die dort an Land mußten, sahen sich hier wieder in einer neuen und vollkommen fremden Welt. Aber nicht mehr allein und freundlos standen sie da, denn das Schicksal der Unglücklichen hatte schon die allgemeine Theilnahme nicht allein vieler ihrer Landsleute, sondern auch mancher Brasilianer selber wach gerufen, und während sie, bis der andere Dampfer nach der Colonie befördert werden konnte, von der Regierung am Land einquartiert und beköstigt wurden, veranstaltete man in der Stadt Sammlungen für sie, um die vollkommen Abgerissenen und von Jedem Entblößten nur erst einmal in etwas wieder auszustatten.

Dann kam die zweite Reise. In Rio wurden sie wieder eingeschifft, brauchten aber selbst von da an noch zwei und einen halben Tag, bis sie ihr Ziel erreichten, und Behrens sah jetzt recht deutlich wie schändlich und nichtswürdig sie jener gewissenlose Agent in Deutschland belogen, als er ihnen auf der Karte zeigte, welche kleine Entfernung nur die beiden Plätze von einander trennte. Er selber hatte auch zu gleicher Zeit genug von dem Brasilianischen Urwald gesehn, um zu wissen, wie vollständig unmöglich es gewesen wäre, die Strecke durch diese Wildniß hin, zurückzulegen.

Und was hatte jener Mann in Deutschland dabei gehabt, seine eigenen Landsleute so schändlich zu hintergehen und in die Hände eines gewissenlosen Fremden zu liefern? – Nichts in der Gotteswelt als die paar Thaler Kopfgeld, die er für jedes seiner Opfer bekam und welchen Gewinn er dann mit einem ebensolchen Schurken in Antwerpen theilte.

Von Rio de Janeiro aus bekamen sie noch Reisegesellschaft; frische Auswanderer aus Deutschland, welche diese Gelegenheit benutzen konnten um ihr vorgestecktes Ziel in Brasilien, die deutschen Colonien zu erreichen. Das waren auch keine Leute die sich durch einen Contract gebunden hatten; frei und unabhängig zogen sie hinüber in das fremde Land und wenn sie auch gerade nicht viel Geld in den Taschen trugen, sahen sie sich doch nicht an Händen und Füßen gebunden und konnten sich auf ihren Fleiß und ihre derben Fäuste schon mit gutem Vertrauen verlassen.

Und welch ein Unterschied zwischen ihnen und den armen Parcerie-Arbeitern. Sie hatten noch ihre frischen rothen Backen mit von Deutschland gebracht, und die Kinder sahen dick und gesund aus, während die Deutschen die aus Minas Geraes herunterkamen, eher hohlwangigen und nur mit gelber Haut überzogenen Skeletten glichen.

Und auch an Geist waren die Menschen gebrochen, denn sie hatten in den langen elenden Jahren Hoffnung und Vertrauen verloren. Behrens selber saß auf der ganzen Reise still und in sich gekehrt, grübelte über das Unglück nach das ihn betroffen, und das was noch für ihn in Aussicht stand. Sein Bruder? – er hatte die langen Jahre Nichts von ihm gehört; wußte er denn überhaupt ob er noch lebe, und wär' er selber jetzt, mit zerstörter Kraft und Gesundheit, selbst unter günstigeren Verhältnissen noch im Stande wieder von Neuem eine schwere Arbeit zu beginnen?

Hannchen that ihr Bestes um ihn aufzuheitern, so weh ihr selber auch dabei zu Muthe sein mochte. Es war vergebens. Der Mann hatte einmal die feste Idee gefaßt daß sie in Brasilien verloren wären und nur von einem Sclavenaufseher zum anderen geschafft würden. – Und nach Deutschland zurück? – was hätte er dort jetzt noch gesollt, wo er, mit Allem verloren was er einst sein nannte, nicht einmal mehr in Tagelohn gehen konnte. Nein – es war vorbei mit ihm und leise nur murmelten die bleichen Lippen:

»Ach wenn ich doch drunten in der Erde bei der Sophie läge – dann wäre Alles gut – Alles.«

Der kleine Dampfer – allerdings kein besonderer Schnellläufer – setzte indessen munter seine Reise fort, aber selbst als er wieder vor dem Ort seiner Bestimmung ankerte, als Behrens nun wußte daß sie endlich – endlich, nach jahrelangem Sehnen ihr eigentliches Ziel erreicht, und Fürchtegott der indessen hochaufgeschossen war, wenn er auch ebenso wie die anderen mager und gelb aussah, die Sachen mit an Land schaffen wollte, sagte der alte Behrens: