Aber an ihm vorbei fliegt die Kitzgeis, den offenen Weg zur Flucht nach unten nicht benützend. Zwar ist sie sicher vor des Schützen Rohr, denn keine Kitzgeis wird in der ächt weidmännisch betriebenen Jagd geschossen, aber was scheucht sie denn auf einmal dort hinauf? – Hat sich der Schall des Schusses in den Bergen, was oft geschieht, so gebrochen, daß sie die Gefahr da unten wähnt, während sie hier oben in der Nähe des Feindes droht? Oh nein – das scheue Thier weiß recht gut vor wem es flieht, denn über die Steine unten, über Geröll und Felsenblock hinwegspringend, so rasch fast wie der Bock selber früher sprang, der dort verendend liegt, kommt ein Jäger herauf aus der steilen Schlucht.
Den Bergsack auf dem Rücken, die Büchse über der linken Schulter, den Bergstock zum Springen über Spalte und Stein gebrauchend, wie der Rabe seiner Berge der den Geruch des Blutes wittert und mit raschem Flügelschlag schon nach dem Schuß krächzend herbeistreicht, setzt der kleine gewandte Bursch heran. Im Nu hat er dabei die Stelle gefunden wo das, noch einmal wenn auch vergebens seine letzten Kräfte anwendende Thier liegt. Büchse, Hut und Bergstock drückt er gleich darauf neben sich auf die Steine, das Messer fliegt aus der Scheide, und die sich krampfhaft streckende Beute stöhnt unter dem Gnadenstoß. Aber zu gleicher Zeit fast greift die eine Hand auch nach dem Bart des verendenden Bocks, zieht die langen, mit weißer Spitze versehenen Rückenhaare [2] rasch und geschickt heraus, soweit sie sich zum Hutschmuck eben brauchen lassen, nimmt dann ein altes, schon mit früherem Schweiß beflecktes Stück Papier aus der Tasche, wickelt sie da sorgfältig hinein und birgt das in seiner Brusttasche. Jetzt erst geht er an das Geschäft des Aufbrechens, die Gemse dann später in dem rasch abgeworfenen Bergsack mit hinaus aus dem Graben zu nehmen.
[2]: Der Gemsbart sitzt dem Bock nicht etwa unter dem Kinn, sondern auf dem untern Theil des Rückens; an derselben Stelle, wo das Wildschwein die längsten starren Borsten hat.
Der Bursch da unten ist aber eine der interessantesten Persönlichkeiten unter sämmtlichen Jägern. Klein und fast schmächtig von Gestalt, aber trotzdem von zähem, nervigem Körperbau, munkelt man daß er früher, wie er jetzt Einer der besten, wenn nicht der beste Jäger des Reviers ist, auch Einer der berüchtigtsten Wildschützen gewesen sei. Jedenfalls kommt ihm keiner der Uebrigen gleich im Fallenstellen für alles mögliche Raubzeug, vom Jochgeier nieder bis zum kleinen Wiesel. Niemand lockt wie er Hasel-, Stein-, Schneehuhn und Birkwild, und fängt die Schnepfen und andere Strichvögel so geschickt in Schlingen. Auch Alles was man lebendig verlangt liefert er – wohl nicht gleich, denn solch Ding erfordert Zeit – aber mit der Zeit gewiß und sicher.
Wenn man von oben die kleine unansehnliche Gestalt betrachtet, kommt's Einem auch wohl unwahrscheinlich vor, daß das der grimmste und gefährlichste Feind sein sollte, den die schlauen und scheuen Thiere der Wildniß hier in den Bergen, in ihrem eigenen Reviere hätten; so wie er aber den Kopf nur umdreht glaubt man's ihm. Der ganze Schnitt des Gesichts ist schon dem Adler gleich, das Auge nicht groß aber lebendig und rastlos, nicht einen Moment an ein und derselben Stelle haftend. Die Augenbrauen sind dabei hoch heraufgezogen, und wie durch das stete Horchen und Wachen so stehn geblieben. Der kleine Ragg, wie er zum Unterschied von seinem Vetter, dem großen heißt, sieht aus, als ob er nicht einmal im Schlaf die Augen schlösse.
Treiber an einer Wand.