Mit dem Riegeln – wie diese Art Treiben genannt wird – ist's jetzt vorbei. Dort drüben pfeift noch einmal eine Gems, die wahrscheinlich den Wind von einem der andern Treiber bekommen. Platz genug hat sie indessen zur Flucht, und bringt sich auch rasch in Sicherheit. Wieder hinauf klettern wir jetzt, von dem schmalen Steinkamm bis hinüber zum Waldeshang, denn hinunter zur erlegten Gemse könnte wohl kaum eins der scheuen Thiere selbst, so schroff und jäh läuft da der Fels hinab. Ragg wird sie schon hinauf zum Sammelplatz schaffen.
Aber auch selbst das Aufklettern geht nicht so rasch, denn bist Du ein einziges Mal durch die Laatschen aufwärts gestiegen, Freund, dann weißt Du auch was das Ding zu sagen hat. Die zähen elastischen Zweige liegen alle nach unten, eine Strecke erst am Boden oder einen Fuß darüber hinlaufend, und dann wieder in die Höhe biegend, daß sie die Büschel an den Spitzen der Zweige gerade und aufrecht tragen. Ein in einander greifen sie dabei, und wenn auch die schlanke Gemse, die nur ihre Krickeln auf den Rücken zu legen hat, leicht hindurch schlüpft, bleibt doch der Jäger mit seiner Büchse über der Schulter, mit dem Bergstock in der Hand, mit Hut und Rock und Riemen alle Augenblick darin hängen, und abzubrechen ist fast gar kein Zweig. – Nur mit dem Messer gehauen oder eingeschnitten, knickt er augenblicklich ab. Noch schlimmer ist es dabei, wo dürre Aeste mit dazwischen liegen; ein Durchkommen wird da fast zur Unmöglichkeit, oder muß Zoll für Zoll erzwungen werden.
Und dennoch ist es, wenn nicht leichter, doch jedenfalls sicherer in den Laatschen auf, als abwärts zu klettern. Die zähen Büsche hängen über alle Abgründe weit hinaus, und wollte man rasch zwischen ihnen niedergleiten, da sich die weichen Zweige dem nach unten Hindurchdrängenden aus dem Wege biegen, wäre man jedem Augenblick der Gefahr ausgesetzt ganz gemüthlich vielleicht in eine fünf- bis sechshundert Fuß tiefe Schlucht hineinzufahren.
Als ich den Sammelplatz endlich erreichte hatten sich, den kleinen Ragg ausgenommen, der noch mit seinem Gemsbock irgendwo unten im Graben stak, schon sämmtliche Treiber um den Herrn versammelt.
Wie wundervoll die Wildniß um uns liegt. Dort drüben hebt der große Falke sein riesiges Haupt empor, während die gewaltigen Tannen an dem gegenüberliegenden Hang so niedrig aussehn wie kleine zierliche Büsche, und unter uns gähnt eine wilde Schlucht tief in den Graben nieder, der hier scharf und abschüssig viel hundert Fuß wohl jäh hinunter sinkt.
Auf einem Felsenvorsprung aber, der weit über den dunklen Abgrund hinausragt, die Büchse über der Schulter, den Bergstock in der Hand, steht unser Jagdherr, und neben ihm demonstrirend und erzählend der große Ragg, während sich Rainer etwas kleinlaut hinter diesen gedrückt hat.
Die anderen drei Jäger, von denen der eine den vom Herrn erlegten starken Bock im Bergsack trägt, stehen etwas weiter zurück.
»Und Ihr seht jetzt daß ich recht hatte,« sagt dieser; »die drei starken Rudel die von unten kamen, haben alle mit einander gar nicht daran gedacht bis zu mir herauf zu klettern, sondern sind, wie sie das jedesmal thun, seitwärts ausgebrochen. Haben Sie etwas geschossen?«
»Einen Bock« –