»Nun ja, ich auch einen, und die andern Freunde sind gar nicht zum Schuß gekommen, während wenigstens vierzig Gemsen in dem Treiben waren.«

Rainer spricht kein Wort, Ragg hingegen, der ganz ungleich seinem Vetter nie eine Gelegenheit vorüber gehn läßt seine Meinung, lebhaft dabei gesticulirend, zu sagen, will sich auf eine nähere Beschreibung des Treibens einlassen – es ist die Elster unter den Jägern. Diesmal aber wird er unterbrochen, das zweite Treiben rasch besprochen, und fort geht's wieder, die steilen Höhen hinan, ein Treiben an der Nordseite des Jochs, im sogenannten Ochsenthal zu machen, wo nur ein paar gezwungene Wechsel den Gemsen bleiben sich zu retten und die schützenden Dickichte wieder zu erreichen.

Ein wilder rauher Marsch war das jetzt den steilen Hang hinauf, bald in überbiegende Laatschen hinein, bald an steilem Felsgeröll emporklimmend. Einer hinter dem Anderen her, oder seitwärts auch ausbiegend, einen bequemeren Aufweg zu finden. Der Stock nützt dabei gar wenig, und ist oft nur im Weg; die Laatschenzweige sind dagegen treffliche Hülfen und oft, wenn ein lockerer Stein losbröckelt, schützt die rasch ergriffene Laatsche den Steigenden vor einen bald mehr bald weniger gefährlichen Fall. Unverdrossen aber, nur das eine Ziel, die Höhe im Auge, wird jede Schwierigkeit besiegt, und nach drei Viertelstunden schweren Steigens etwa haben wir endlich das ersehnte Joch erreicht.

Bald ist hier Alles besprochen, die Schützen sind vertheilt, die Treiber, die sich auf den kahlen Felsen an bestimmten Punkten nur zu zeigen, und ein paar Steine hinab zu werfen haben, sind abgegangen und Jeder hat sich, so gut das eben auf dem offenen Terrain gehen will, hinter irgend einen Felsblock, einen einzelnen Laatschenbusch, oder eine sonstige Erderhöhung gedrückt.

Da rasselt's da drüben an der Wand, Steine rollen und kleine dunkle Punkte, nicht größer wie Ameisen, springen blitzschnell über die lichten Wände hin.

Mit dem Fernrohr, nach Büchse und Bergstock das wichtigste Instrument für dem Gemsenjäger, suchen die Schützen indessen das Terrain, das sie übersehn können, ab. – Unerwartet kann ihnen überhaupt hier kein Wild kommen, denn der steinige, rauhe Boden verräth es schon aus größere Entfernung. Da drüben ist ein dunkler Punkt an der nämlichen Wand über der der erste Treiber sichtbar wurde – richtig es ist ein alter Bock, der sich hier unter einen Felsvorsprung gestellt hat, nach unten hin aufmerksam die springenden Gemsen betrachtet, nach oben ganz erstaunt hinauf horcht, woher auf einmal all die großen dicken Steine kommen, von denen er freilich, g'rad wo er steht, wenig zu fürchten hat.

Dort und da wird es jetzt lebendig. Ueber den tiefen Thalgrund des weiten Felsenkessels springt das stärkste Rudel grade dort hinauf, wo der fürstliche Jäger, die Büchse im Anschlag, fest hinter einen hohen Stein gedrückt steht. Näher und immer näher kommen sie hinan – der Wind schlägt auf und sie wittern nicht die Gefahr der sie sich nahen. Prachtvoll sieht es dabei aus, wie die dunklen schlanken Thiere an den lichtgrauen Steinwänden hin und aufwärts setzen. Jetzt bleibt die Leitgeis auf einer vorspringenden Zacke mit dicht zusammen geschobenen Schaalen stehn und sichert umher. – Aber nicht lange braucht sie nach der vermutheten Gefahr zu suchen – der Treiber dort oben auf dem nackten Joch schwenkt den Hut nach ihnen hinüber; seine ganze Gestalt zeichnet sich ihnen scharf und rein gegen den blauen Himmel ab, und fort stürmen sie wieder, geschützteren Platz zu erreichen und aus so gefährlicher Nähe zu kommen – die armen Dinger.

Jetzt setzen sie die Schlucht hinauf an dessen oberem Ende der Jagdherr steht – kaum fünfzig Schritt an ihm vorbei springt das Leitthier – hält einen Augenblick auf dem Kamm, sieht den neuen Feind, thut einen scharfen Pfiff und verschwindet an der andern Seite des Jochs. – Und kein Schuß? – noch eine Gems und noch eine folgen ihr und jetzt – eine kleine blaue Wolke steigt hinter dem Felsen auf – jetzt noch eine, und zwei Gemsen sind schon lange zusammengeknickt und von der steilen Höhe niedergerollt, als der dumpfe Knall der Büchse sich erst donnernd an den Wänden bricht, und in das Thal seine Schallwellen niederwälzt. – Wie die übrigen Thiere stutzen und schrecken – aber die Leitgeis ist voraus, der müssen sie folgen, und nach drängt deshalb, trotz dem Schuß, der ganze Trupp, nur einen scheuen Bogen um die gestürzten Kameraden beschreibend.

Wieder steigt in zwei kurzen Stößen der blaue drohende Dampf empor, und wieder taumelt eine Gemse. Wild vorbei stürmen die entsetzten Thiere. Aber noch ist der Donner nicht verhallt als auf's Neue die tödtliche Kugel ihr Opfer sucht.

Sechsmal hat es aus den drei Doppelbüchsen gesprochen und drei Gemsen liegen verendet auf dem Platz und schwer verwundet schleppten sich zwei andere noch über das Joch hinüber, davon eine der Hund nach kurzer Suche in einem Laatschenbusche antrifft und niederreißt. Die andere ward später verendet gefunden.