Jetzt haben wir beinah die Klamm erreicht, Ragg wird immer ängstlicher im Gehen, und jeder Schritt weiter zeigt auch schon mehr und mehr die helleren Felsen, die übereinander geschichtet und aus gewaltigen Blöcken bestehend, bis fast oben unter das Joch hinauf ragen. Längst schon haben wir den Pirschweg verlassen, und steigen lautlos nebeneinander hin, Jeder vollauf damit beschäftigt den Ort auszusuchen wohin er den Fuß geräuschlos setzen kann, und hat er den gefunden, einen raschen forschenden Blick umher zu werfen. Da plötzlich packt er meinen linken Arm und die vorsichtig und langsam ausgestreckte Hand deutet nach vorn. Der Richtung zu liegt dort ein dichter Laatschenbusch und der eine Zweig – wahrhaftig da drin steht irgend ein Stück Wild, was es auch sei – der eine Zweig bewegte sich, als ob irgend etwas Schweres dagegen drückte. Was für Wild, war natürlich noch nicht zu erkennen.

Leider lag der Busch etwas unter uns, und links abbiegend, von unten herauf dahin zu kommen, krochen wir jetzt mehr als wir gingen der Stelle zu. Die Gegend dort war wie gemacht zum Anpirschen, und lockere Felsblöcke, und umgestürzte, halb verdorrte Stämme bildeten ebensoviele Schutzwehren für den anschleichenden Jäger. Vorsichtig benutzte ich auch das Terrain nach besten Kräften, und leise, nachdem ich vielleicht zwanzig Schritt auf den Knieen gekrochen war einen schräg auflaufenden Fels zu erreichen, hob ich langsam den Kopf und sah hinüber.

»Mord!« war der mehr gedachte als gemurmelte Fluch, als ich mich plötzlich einem starken Spießhirsch auf kaum vierzig Schritte gegenüber sah, der sich hier so ruhig äste, als ob nicht ein scharfgeladenes Rohr hinter dem nächsten Steine lauerte, und sein leckeres Mahl hätte bös versalzen können. Aber Hirsche wurden natürlich in dieser Jahreszeit nicht geschossen und der übrigens ziemlich stark und feist aussehende Bursche hätte uns die ganze Jagd verderben können.

Vorsichtig vor allen Dingen wieder hinter meinen Stein zurückkriechend, telegraphirte ich dem mir aufmerksam zuschauenden Ragg die unangenehme Botschaft hinunter, und dieser kam jetzt langsam heraufgeschlichen. – Was nun thun? Zeigten wir uns, so brach der derbe Bursche hier ganz in der Nähe der Klamm durch das Dickicht, und wenn er nicht einmal schreckte, warnte er doch jedenfalls alle dort herum stehenden Gemsen, und verdarb uns die Jagd. Es blieb uns nichts anders übrig als ihm aus dem Weg zu gehn, und mit einer Aufmerksamkeit und zarten Rücksicht für seine Ruhe und ungestörte Mahlzeit die ihn hätte innig rühren müssen, wenn es ihm nur verstattet gewesen wäre uns zu beobachten, krochen wir jetzt zurück wie wir hinaufgeschlichen, tiefer hinab ihm aus den Weg zu kommen.

Das gelang auch vollkommen und etwa vier- oder fünfhundert Schritt tiefer unten näherten wir uns endlich dem wirklichen Rand der Klamm, der gerade an dieser Stelle von einem mit Laatschen bewachsenen Felsenvorsprung überhangen wurde.

Zum Abäugen gab es keinen bessern Platz, und vorsichtig krochen wir, die Hüte und Stöcke abgelegt, ich nur mit der Büchse im Anschlag hinaus, die untere Schlucht von hier zu übersehen.

Dort stand ein Bock – da drüben an der Wand, gleich unter ein paar kleinen mit gelbem Laub noch spärlich bedeckten Espen. Das wenige Gras abäsend, das in der Spitze von zwei dort von verschiedenen Seiten niederspringenden Bächen wuchs, ging er langsam umher, vorsichtig dabei oben hinauf windend, und den Blick zugleich, mit dem halb schräg gedrehten Kopf, nach der Tiefe drehend. Aber er schien das mehr aus alter Gewohnheit zu thun, als daß er wirklich eine Gefahr gefürchtet hätte. Der Morgen war so still, die Schlucht lag so ruhig, und so lange hatte Nichts den Frieden hier gestört – armer Bock – es geht uns Menschen eben so. Die Gefahr naht gerade da am liebsten, wo wir sie am allerwenigsten erwarten, und gut für uns dann, wenn sie uns gerüstet findet.

Unser Schlachtplan war bald entworfen. Ragg wollte zwar gern, wie es gewöhnlich die Jäger in den Bergen thun wenn zwei zusammen pirschen gehn, mich hinunter auf den Wechsel schicken, und dann selber oben hinum schleichen und dem Bock in den Wind kommen, oder sich auch zeigen, wodurch er ihn mir dann vielleicht hinunter getrieben hätte. Durch das Anpirschen an den verwünschten Spießer war aber schon ein guter Theil des Morgens verloren gegangen, und da er einen tüchtigen Umweg hätte machen, und ich selber an die andere Seite der Klamm hinüber klettern müssen, an der der Wechsel lag, blieb es immer die Frage, ob wir nicht doch zu spät kommen würden. Ueberdies äste sich der Bock gegen den Wind hinauf. So beschloß ich denn mein Glück mit Anschleichen zu versuchen und rasch zogen wir uns jetzt von unserem Ausguck zurück, unterhalb desselben eine gedeckte Stelle zu finden an der ich in die schroffe Klamm hinabsteigen konnte.

Das gab ein bös Stück Arbeit. Durch einen ziemlich weit hineinragenden Vorsprung gleich unterhalb verdeckt, war allerdings hier keine Gefahr daß uns der Bock hätte sehn können, und den Wind bekam er eben so wenig, denn der wehte noch scharf und stät die Klamm nieder, aber wie an einer Wand ging es hinab, und mit der Büchse auf dem Rücken, die den Ungeübten oft im Klettern hindert, war die Sache doch viel leichter berathen als ausgeführt. Ueberdem steigt es sich zehnmal besser bergauf, als in die Tiefe nieder. Aber dort stand der Bock und hinunter mußte ich; so die Zähne zusammen beißend und den Bergstock, als treuen Helfer fest in den steinigen, mit lockerem Geröll bedeckten Boden stemmend, ging die Fahrt zu Thal. Manchmal löste sich, trotz aller Vorsicht, ein kleiner Stein, und rollte polternd in die Tiefe, aber theils waren wir noch zu weit von der Gemse entfernt, theils achten auch die Thiere auf dies Geräusch, das sie in den Bergen gewohnt sind, nicht sonderlich viel. Fortwährend lösen sich in diesen steilen Hängen, besonders nach feuchtem Wetter, kleine und größere Steine los, und auf den größeren Reißen klappern sie fast ununterbrochen fort.