Und hier ist wirklich noch Wildniß, denn Urwald umgiebt uns in all seiner einsamen Pracht. Kein Holz wird hier geschlagen; der alte morsche Baum bricht über seiner Wurzel zusammen und fault wo er gewachsen und gestanden. Wo der Föhn oftmals ganze Strecken dieser vielarmigen Waldriesen niedergestreut, liegen sie toll und bunt über einander hin gesäet, und was eben wachsen will und kann, bricht sich zwischen ihnen hinaus die junge Bahn.

Aber der umgestürzte Baum hat für uns in diesem Augenblick nur insofern Interesse, als er mit seinem dichten Wipfel vielleicht eine sich dahinter äsende Gemse deckt. – Jeder Stein wird mistrauisch betrachtet, jedes raschelnde Laub bannt den Horchenden an die Stelle, und erst dann schleicht er weiter, wenn er sich überzeugt hat daß kein Wild Ursache des Geräusches war. Wie ein paar Verbrecher, mit dem erbärmlichsten Gewissen von der Welt, vor jedem fallenden Blatt erschreckend, vorsichtig und ängstlich nach dem geringsten fremden Ton hinüber horchend, schleichen wir so dahin – langsam mit dem umgedrehten Bergstock nieder fühlend, daß er keinen unzeitigen Lärm mache, sorgfältig den eisenbeschlagenen Schuh auf das Geröll im Pfad niedersetzend und jeden dürren Zweig, jedes gelbe Blatt dabei vermeidend – sind es doch lauter Verräther, und nur zu rasch geneigt ihren alten Bekannten und Freunden, dem scheuen Wild, Nachricht zu geben daß Jemand naht, der da nicht hingehört.

So ein dürrer Zweig ist auch wirklich oftmals schlimmer als ein Telegraphendraht. Er knickt unter dem ungeschickten Fuß – der Jäger bleibt erschrocken stehn und wagt sich nicht zu rühren – aber das Unglück ist schon geschehn. Ein Alt-Thier vielleicht, mit dem man gar nichts zu thun haben will, das aber hinter einem Dickicht irgendwo gestanden, hört das fatale Geräusch und wird aufmerksam. Sehn kann es dabei Nichts, aber der Verdacht ist einmal gefaßt – vielleicht trägt gerade jetzt auch ein sehr unnützer Windzug die Witterung dort hinüber, und schreckend, mit Tönen die man über eine halbe Stunde weit hört, setzt es den steilen Hang hinab, und macht den ganzen weiten Berg rege. An Pirschen ist in der Gegend dann weiter gar nicht zu denken.

Aber wir ziehen vorwärts. – Da drüben zeigen sich die nackten Felsen einer weitausgebrochenen Klamm, und dort stellen sich die Gemsen am liebsten ein. Zwischen dem Geröll wächst spärliches, aber sehr süßes Gras, und ziemlich offenen Raum haben sie zugleich, nach oben und unten auszuschauen. Besonders sind diese Klammen ein Lieblingsplatz der alten Böcke, und denen stellt man ja auch vor Allen nach.

Hier ist aber eine Hauptsache der Wind. Wenn dieser auf jeder Jagd eine sehr bedeutende Rolle spielt, und bei Treibjagen wie Pirsche stets darauf Rücksicht genommen werden muß, da man das Wild mit dem Wind nun einmal nicht beschleichen kann, so ist das noch viel mehr auf der Gemsjagd der Fall. Man hat es hier nämlich nicht allein mit einem Wild zu thun, dem an Geruchssinn kein anderes gleich kommt, sondern die Gebirge selber haben in ihren Luftströmungen so viele Eigenheiten, daß der mit ihnen nicht betraute Jäger nur wirklich zufällig einmal ein Stück zum Schuß bekommen würde.

Ziemlich regelmäßige Luftströmungen sind thalauf und thalab, Seitenwinde finden fast nie, oder nur höchst selten statt. Im Schatten zieht dabei der Wind stets nieder; in der Sonne aufwärts, und zwar aus sehr natürlichen Gründen: die von der Sonne erwärmte Luft strebt nach oben, die kältere drängt sich ins Thal hinab. Ehe die Sonne über die Berge steigt, und auf den Hängen, die sie nicht bestreicht, oder nicht erreicht hat, zieht deshalb die Luft stets bergab, und oben an einem Joch hingehend, würde man wenig oder gar Nichts zu Schuß bekommen. Man muß sich deshalb tiefer halten, nach aufwärts sehn zu können, und was oben steht, kann man dann auch leicht beschleichen – ist wenigstens sicher daß man den Wind von dort herunter bekommt. Steigt dann die Sonne, nimmt man den Rückweg oben hin, und hat denselben Vortheil wie vorher.

Beim Treiben läßt sich diese Eigenschaft besonders gut benutzen, da man im Stande ist sich den Wind auszusuchen, je nachdem man in eine kühle schattige Schlucht, oder auf den sonnenbeschienenen Rücken irgend eines Felsens tritt.

Da es noch früh am Morgen und kühl und frisch war, wo der Wind natürlich scharf nach unten zog, hielten wir uns ziemlich tief, verließen, sobald es nur ordentlich hell im Wald geworden, den Pirschpfad und kletterten vorsichtig den grasigen mit Kiefern und Krummföhren überwachsenen Hang hinab.

Wie das so still im Walde war – weit von drüben herüber, von der andern Seite des Rißthales klang der tiefe Schrei eines Brunfthirsches her – sonst fast kein Laut. – Doch halt ja – dort oben wo jene schmale Felsenwand so hoch emporstieg und mit ihren grauen Seiten durch die Bäume schimmert, balzte ein Birk- oder Spielhahn mit weichen, melodischen Kullern – aber die Jäger hören das zu dieser Jahreszeit nicht gern, denn es soll schlechtes Wetter deuten.