So prachtvoll eine solche Treibjagd ist, besonders wenn man von irgend einer vorspringenden Stelle aus den größten Theil derselben mit dem darin aufgescheuchten Wilde übersehen kann, soviel interessanter ist die Pirsche. Bei dem Treiben ist der Jäger vom Wild abhängig, ob es ihn gerade annehmen will, und darf seinen Stand nicht verlassen, den ganzen »Bogen« nicht zu stören. Bei der Pirsche sucht er selber das Wild auf, und es hängt dann, allerdings neben vielem Glück, doch auch viel von seiner eigenen Geschicklichkeit und Umsicht ab, ob er zum Schuß kommen wird oder nicht. Hier in den Bergen ist die Pirsche freilich weit beschwerlicher, und in mancher Hinsicht auch gefährlicher, als im Walde unten, denn die alten Gemsböcke suchen sich am allerliebsten die rauhsten Wände in den Klammen aus, in die sie sich hineinstellen, und von wo aus sie eine weite Strecke überschauen können – und dort muß sie der Jäger finden und beschleichen.

Für den Wildstand selber ist aber, besonders wenn eine gewisse Anzahl Gemsen abgeschossen werden soll, das Treiben weit besser als das öftere Pirschen. Beim Treiben wird ein Revier einmal durchgegangen, und hat dann Ruhe – kehrt die aufgescheuchte Gemse nach einigen Tagen auf ihren Stand zurück, so findet sie denselben gewohnten Frieden und bleibt. Wird dagegen oft durch ein und denselben Platz gepirscht, so verjagt der Jäger, wenn er selber auch vielleicht gar Nichts oder nur wenige Stück zu sehn bekommt, und scheinbar ganz unbemerkt den Berg durchschlichen hat, doch viel Wild. Was den Wind von ihm bekommt flieht fast noch ängstlicher, als was ihn selber sieht, und einen schärferen Geruchssinn als die Gemse, hat wohl kein Säugethier weiter auf Erden, möge es, welcher Gattung es wolle angehören.

Beim Pirschen hängt das Meiste davon ab früh aufzubrechen. Die Gemse, ziemlich wie anderes Wild, äst sich Morgens von Tagesanbruch bis etwa um acht oder neun Uhr, und thut sich dann bis ziemlich genau um zwei Uhr nieder. Zu dieser Zeit steht sie wieder auf, beginnt aber erst gegen Abend recht lebendig zu werden.

In der Brunftzeit, die bei kalter Witterung schon gegen Ende Oktober, bei warmer erst mit dem Monat November beginnt, läuft der Bock allerdings den ganzen Tag herum, äst sich dann aber nur sehr wenig und paßt außerordentlich auf.

Beim Pirschen ist es nun allerdings stets und unter jeder Bedingung am besten, ganz allein zu sein. Ein Mann macht schon überdies beim Anschleichen Geräusch genug, und zwei verderben oft die Jagd. In den Alpen aber und auf vollkommen fremdem Revier, noch dazu für den Fall daß etwas erlegt oder angeschossen wird, bleibt ein Begleiter ein nothwendiges Uebel. – Und doch ist es auch wieder eine eigene Lust mit einem solchen Tyroler Gemsjäger im stillen Wald, in den wilden Bergen pirschen zu gehen.

Diese vor allen anderen sind auch die einzigen und ächten deutschen Indianer, – nur daß sie Schuh und Kleider tragen. Abgehärtet gegen Frost und Hitze, wie nur ein Wilder sein kann, mäßig in ihrer Lebensart bis zum Aeußersten, einfach in ihren Sitten, leidenschaftlich ihrer Jagd ergeben und darin Meister – was um Gottes Willen könnte man von einem wirklichen Indianer mehr verlangen. Auch ihre Farbe ist nicht viel, wenn überhaupt, lichter, als die einiger Stämme der Südsee, und was ihre Sinne betrifft, so haben sie jene Wilden schwerlich schärfer. Nur im Anschleichen könnten sie von ihnen lernen.

Wie der Pfeil vom Bogen, und dabei geräuschlos wie die Nachteule auf ihre Beute stößt, gleitet der Indianer, jeden nur irgend möglichen Vortheil des Terrains benutzend über den Boden hin. Der Bergbewohner ist plumper – er tritt fester auf und sein Schritt, auch wenn er sich noch so viele Mühe giebt leise zu gehen, ist dennoch schwer. Natürlich tragen da die schweren, eisenbeschlagenen Schuhe das Ihrige dazu bei. Aber eine Wonne ist es, zu sehn wie so ein Gemsjäger den Wind nimmt, wie sein Blick gleichzeitig über jede Blöße an den Hängen als auch über den Boden schweift die Fährten zu beachten; mit welcher Aufmerksamkeit er dabei jedem Geräusch horcht und wie er, mit einem Worte, so ganz Jäger ist. Jede Bewegung an ihm ist Natur, und wie der Adler oben in seinem Element auf ruhendem Fittig kreist, wie der Fisch im Wasser schwimmt, wie das Reh zierlich und leicht durch den Wald tritt, so leicht und unbehindert, so ganz in ihrem Element, steigen dieses Kinder der Berge Fels auf und ab, über schräg wegsinkende Lannen, über bröckelndes Gestein, immer mehr um sich nach Wild, als auf ihren gefährlichen Pfad schauend.

Aber jetzt fort, drüben die hohen Joche, wenn auch im Thal unten noch dunkle Nacht liegt, zeigen schon den dämmernden Morgen, und kalt und frostig zieht uns der erste Sonnengruß durch die Glieder. – Sonderbar ist es in der Natur, daß vor dem warmen Licht der Sonne die Luft erst noch einmal recht kalt, daß vor dem dämmernden Tag die Nacht erst noch einmal recht dunkel wird.

Unseren Pfad können wir jedoch schon erkennen – ein guter Pirschsteig läuft am Hange hin, und gerade mit Büchsenlicht kommen wir dann an die besten Stellen im Revier – zu früh kann man da fast gar nicht aufbrechen.

Mein Begleiter ist diesmal – den ich schon früher erwähnt habe – die Elster unter den Jägern: der große Ragg. – Er spricht allerdings viel – wenn man ihn läßt; aber was sein »Handwerk« angeht, wird er darin vielleicht nur von seinem Vetter übertroffen. Wo übrigens nicht gesprochen werden darf, weiß er auch recht gut zu schweigen und vielleicht nur in dem ernsten stillen Wesen der übrigen Bergjäger scheint das bei ihm Schwatzhaftigkeit, was man im flachen Lande gar nicht bemerken würde. Die Berge sind in der That nicht der Ort zum Sprechen. Die stille Ruhe um uns her fordert zu gleichem Schweigen auf, und jedes, selbst geflüsterte Wort, scheint den heiligen Frieden dieser Wildniß zu stören.