»Warten Sie nur – die Fährten nahmen im Ganzen die Richtung nach dem Leckbach zu. Wastel glaubte nun freilich nicht daß er sich soweit von der Grenze weggemacht hätte. Das blieb sich aber ganz gleich, Grenze oder nicht, denn drüben auf königlichem Gebiet hatte er jedenfalls eben so wenig Recht zu jagen wie hier, und erwischten ihn die Jäger, so ging's ihm nicht um ein Haar besser, als wenn wir ihn kriegten. Wir äugten also aus dem Wald heraus, die ganze Leckbach sorgfältig ab, spürten noch einmal über das Joch hinüber, auf dem Schnee, und mußten endlich glauben, er habe uns vielleicht irgendwo auf seiner Spur gesehn, und sei wieder in das andere Revier, wohin wir ihm nicht folgen durften, zurückgewechselt. Viel Zeit hatten wir übrigens auch nicht mehr zu verlieren, denn wir wollten die Nacht noch nach der Grasberg Alm, und mit dem Umhersuchen war der Tag ziemlich drauf gegangen. So stiegen wir denn rasch hinter einander her aufwärts, als mich der Wastel plötzlich, ohne ein Wort zu sagen, am Arm packt, und dort hinauf zeigte, etwa in die Gegend, wo der dürre Baum da oben auf der schmalen Lanne steht. Ich guckte hin, und kauerte da nicht der verdammte Hallunke so ruhig auf einem umgefallenen Baum, und kaute an einer Brodrinde, oder irgend etwas anderem, als ob er daheim in seiner Hütte, und nicht mit der Büchse auf einem fremden Revier säße?«
»Der kann nicht mehr fort« flüsterte mir dabei der Wastel zu – »ich springe hier unten herum, Du von der Seite hinauf, und dann haben wir ihn in der Mitte – vorn ist die Klamm, und da kann nicht einmal ein Gemsbock hinunter!«
»Wie wir ihn nur erst gewahr wurden, hatten wir uns gleich hinter einen Laatschenbusch gedrückt, und ohne weiter ein Wort zu reden, rutschte der Wastel ein Stück auf der Erde fort, bis er in einen kleinen Graben kam. Den annehmend, schnitt er dem Wilderer den Weg von jener Seite ab, denn hätte der's erzwingen wollen, braucht' er ihn ja nur über den Haufen zu schießen. Mir konnt' er auch nicht mehr wegkommen, und wie ich sah daß der Wastel war wo er sein sollte, pirscht ich mich noch vorsichtig auf etwa hundert Schritt von dem Burschen an, legte dann meinen Hut, Bergsack und Stock ab, nahm die Büchse herunter, und sprang was ich springen konnte den Berg hinauf.
»Ich hatte noch keine drei Sätze gethan, da fuhr er schon mit dem Kopf herum – der Art Gesellen haben ein schlecht Gewissen – und mich sehn, aufspringen und die Büchse an den Backen reißen, war das Werk eines Augenblicks. Zu gleicher Zeit schrie ihm aber auch Wastel sein drohendes »Halloh« entgegen und wie er den zweiten Mann sah, und nun wohl merkte daß es ihm an den Kragen ging, setzte er die Büchse erschrocken ab. Ich hätte ihn jetzt bequem umschießen können,« fuhr Ragg ruhig fort, »aber wir wollten ihn gern lebendig haben, und – wenn's nicht gerade sein muß, ist's doch immer eine häßliche Geschichte. So also schrie ich dem Burschen zu: seine Büchse fort zu werfen, oder er wäre ein todter Mann, und sprang zu gleicher Zeit wieder rasch auf ihn ein. Daran dachte er aber nicht, und umdrehn und in die nächsten Laatschen hineinfahren, war im Nu geschehn.
»An manchem andern Platz wäre das nun vielleicht recht gut gegangen, denn Jemanden durch die Laatschen zu verfolgen, ist ein verzweifelt mühselig Ding; hier aber mußte er keinesfalls wissen, wohin die führten. Der ganze Laatschenstreifen war keine zwanzig Fuß breit, und unter ihnen weg sank der Abgrund, während der Wastel und ich den einzigen Ausweg, der nach rechts und links abführte, leicht überschießen konnten.
»Jetzt haben wir ihn« schrie Wastel auch, als er vorwärtssprang und in die Laatschen mit hinein setzte, – »pass' nur da draußen auf, Ragg, daß er nicht über die Lanne springt!« – Aber er kam nicht weiter – ein furchtbar gellender Schrei tönte plötzlich vom Rand der Klamm herüber und als wir erschreckt und lautlos halten blieben, hörten wir erst unten etwas hartes gegen die Felsen schlagen, und gleich darauf schallte der Schuß der durch den Sturz losgegangenen Büchse zu uns herauf.
»Gott sei seiner armen Seele gnädig« sagte der Wastel und drehte sich schaudernd um. – Wir Beide standen jetzt still und horchten, aber Nichts ließ sich hören.
»Ob man wohl hinunter sehen kann?« sagte ich endlich.
»Ich mag's nicht sehn« meinte der Wastel – »ich hab' genug an dem Schuß.«