»Ich arbeitete mich jetzt durch die Laatschen durch, wo ich gleich vorn den Hut des Wilderers fand. Wie ich aber an den Rand kam, hingen die Zweige tief darüber hinunter und zwischen der Wurzel der einen durch, bröckelte das Gestein los, und stürzte mit hohlem Fall in den Abgrund nieder. Ich stand auf den Zweigen schon über der Tiefe. Es wurde mir unheimlich da draußen und ich kroch zum Wastel zurück.
»Wollen wir hinunter klettern und nachsehn?« sagte ich endlich. Der Wastel erwiederte Nichts, wir warfen unsere Büchsen über den Rücken und stiegen thalab, mußten auch einen großen Umweg machen unten hinein zu kommen, und es mochte immer eine Stunde darüber hingegangen sein, eh' wir den Platz erreichten. Indessen hatte es stärker an zu schneien gefangen, und der Wind heulte so häßlich durch die hohle Klamm – es war ein gar so fatales Gefühl, da unten nach einem zerschmetterten Menschen zu suchen. Wir hatten ihn aber doch nicht umgebracht, er war selber dahinunter gesprungen, und wenn wir ihn auch dazu getrieben, ei, was zum Teufel hatte er auf fremdem Revier zu suchen.«
»Da liegt die Büchse« sagte der Wastel plötzlich, – der Kolben war abgebrochen, und das Gewehr durch den Sturz losgegangen – aber wo war der Wilderer? Gerad in die Höh' konnte man bis oben hinauf unter die überhängenden Laatschen sehn, an ein Anhalten unterwegs war nicht zu denken, die Wand bog sich dort sogar nach innen, und selbst der Bergstock lag etwa zehn Schritt von der Büchse entfernt – aber kein Blutfleck, auf dem der dünne fallende Schnee in keinem Fall liegen geblieben wäre. Oben durch war er auch nicht gekommen, so lange wir oben standen, und wir zerbrachen uns jetzt den Kopf, was aus dem Burschen geworden sein könne. Gewißheit mußten wir aber darüber haben. Wastel nahm deshalb das zerbrochene Gewehr, ich den Stock, und wir ließen uns die Müh' nicht verdrießen und kletterten noch einmal hinauf. Hol's der Deixel, der Vogel war ausgeflogen, und zwar seit wir den Fleck verlassen hatten, denn die ganz frische Spur im »Neuen« ließ auch nicht den mindesten Zweifel darüber. Todesangst mußte er aber in der Zeit daß wir oben suchten ausgestanden haben, denn wie wir jetzt Alles ablegten und vorsichtig dahinauskrochen, woher die Spur kam, fanden wir daß er die ganze Zeit über, und bis wir fort waren, da draußen über dem Abgrund, an den Zweigen des Laatschenbusches gehangen haben mußte. Außen an der Wand waren die Spuren seiner Fußspitzen, als er sich wieder hinaufgearbeitet, und wenn einer von den dünnen Zweigen gebrochen oder ihm nur die Hand ausgerutscht oder »verkrampft« wäre, lag er unten bei seinem Gewehr, den Hals wie den Kolben gebrochen.«
Ragg hatte die ganze Geschichte in einem, nur ihm allein von allen Jägern eigenthümlichen, schauerlichen Bergdialekt und mit flüsternder Stimme erzählt, wobei man wirklich mit peinlicher Aufmerksamkeit zuhören mußte, zu verstehn was er meinte. Vorsichtig schaute er dabei dann und wann über den Hang hinunter, den Bock nicht aus den Augen zu verlieren. Der stand aber noch baumfest da unten und rührte und regte sich nicht.
»Und habt Ihr nie erfahren wer der Wilderer war?«
Ragg schüttelte den Kopf und meinte, still dabei vor sich hinlachend: »Der ist damals mit ausgerupften Federn davongekommen, wird aber wohl an der Lektion über dem Abgrund dadrüben genug gehabt haben. Wir haben ihn hier drüben wenigstens nie wieder gespürt. Uebrigens« – setzte er, leise mit dem Finger dabei drohend hinzu – »wußte er auch wohl warum, und daß wir ihn jetzt kannten. Wo er sich wieder hätt' sehn lassen, wär' ihm eine Kugel gewiß gewesen.«
Ragg prahlte nicht im Mindesten; es herrscht zwischen den Jägern und Wilderern im Gebirge noch ein so romantisches und vollkommen ausgebildetes Faustrecht, wie es sich der Dichter, der die Poesie ganz aus der Wirklichkeit verschwunden wähnt, gar nicht besser wünschen könnte. Wo sich Jäger und Wildschütz im Berg begegnen, ist es zwischen Beiden eine Sache auf Tod und Leben, und wer am schnellsten die Büchse an den Backen reißt, und den Anderen über den Haufen schießt, hat gewonnen. Der Jäger ist allerdings stets im Vortheil, denn er hat für alle Fälle das Gesetz auf seiner Seite; draußen auf Gottes freier Alm aber, und mit den wilden Bergen um sich her, wo alle »Civil- und Militairbehörden umsonst ersucht werden dem mit rechtsgültigen Paß Reisenden, nöthigenfalls Schutz angedeihen zu lassen,« hülfe ihm das oft gar wenig, wenn er nicht, außer dem Gesetz auch noch die eigene Waffe bei sich führte, mit der er den auf ihn anlegenden Wilderer rasch und für immer unschädlich macht.
Daß er es thut, kann ihm auch Niemand verdenken, denn sein eigenes Leben ist in jedem Fall, wo er einem Wilderer begegnet, mehr als bedroht – es ist ernstlich gefährdet. Ob der Mann da drüben, den er mit der Kugel in den Abgrund wirft, daheim Weib und Kind hat, die ohne dem Ernährer verderben müssen, was kümmert's ihn – auch er hat Weib und Kind daheim, und denen sich zu erhalten ist ihm erste Pflicht.
Das klingt nun vielleicht im ersten Augenblick recht schwer und schrecklich, daß, einer einzigen Gemse wegen, so manches Leben genommen, so manche Familie unglücklich und elend gemacht wird, aber wollen wir nicht alle Gesetze von Mein und Dein aufheben, soll überhaupt noch ferner ein Eigenthumsrecht auf der Welt bestehn und dies vom Staat geschützt werden, so darf den Leuten eben das Wilderen nicht gestattet werden, und sanfte Mittel reichten nimmer aus, es zu verhindern. Wo so ein Gemsjäger den eigenen Hals mit Vergnügen riskirt in Nacht und Nebel in den Gebirgen umher zu klettern, ein Gemsthier zu erlegen, würde er sich wahrlich durch ein paar Wochen darauf gesetzte Strafe nicht abhalten lassen – und in wenigen Jahren wären die Berge leer.
»Und welch ein Unglück wäre das?« hör' ich Viele sagen, »lieber alle Gemsen der Welt, als ein einziges Menschenleben.« Es ist das eine von den Phrasen, die scheinbar die ganze Humanität auf ihrer Seite haben und doch nicht wahr sind. Die Burschen die sich einmal an das Leben eines Wilderers gewöhnt haben, sind, so lange ihnen solch wildes Treiben ihr Dasein fristen kann, zu jeder anderen ruhigeren und stäten Beschäftigung verdorben, und fehlten ihnen die Gemsen oder das Wild in den Bergen, so nehmen sie Anderes, was sie grad' bekommen können. Gestattet man ihnen aber das Recht Gemsen und Wild zu schießen, warum denn nicht auch Ziegen, Schafe und Rinder? Das Rothwild muß so gut im Winter gefüttert werden, als das zahme Vieh und warum soll der Besitzer von wilden Heerden nicht ebenso in seinem Recht geschützt sein wie der von zahmen? Der Polizeidiener, der in irgend einer Stadt einen Dieb auf frischer That ertappt und den Gerichten, dem Zuchthaus überliefert, ruft über die Häupter der unschuldigen Familie des Unglücklichen eben so viel Noth und Elend herein, mit Schande noch dazu in den Kauf, als der Jäger, der den Wilddieb niederschießt. Der Polizeidiener sah dabei nicht einmal sein eigenes Leben gefährdet, und trotzdem wird es Niemandem einfallen ihn zu tadeln und zu verdammen.