Das ist übrigens eine Sache, die Jäger und Wilddiebe ganz allein unter einander ausmachen. Der Letztere, wenn er mit der Büchse in die Berge geht, weiß ganz genau welcher Gefahr er sich aussetzt, und ist meist von vornherein entschlossen ihr eben mit den Waffen in der Hand zu begegnen. Wie der Dieb, der Nachts in ein Haus einbricht und das Messer dabei im Gürtel stecken hat, verübt er gewiß keinen Mord, wenn er bei seinem Geschäft nicht gestört wird. Ertappt man ihn aber und will ihn festhalten, oder sieht er selbst nur die Gefahr erkannt und verrathen zu werden, dann wird aus dem einfachen Räuber auch ein Mörder.

Daß die Gefahr des Steigens in den Bergen, und die Möglichkeit eines zufälligen Sturzes der Leidenschaft wilder Herzen auch wohl dann und wann Vorschub leistet, und manche rasche dunkle That befördert und verdeckt, ist wohl leicht erklärlich. Die tiefen oft vollkommen unzugänglichen Schluchten sind dabei ein sicheres Grab, das nur der Jochgeier und Kolkrabe findet und heimsucht, ekle Stücken Beute von dort seinem Horste zuzutragen.

Aber der Bock?

Dort unten stand er noch so still und regungslos, was den Körper wenigstens betraf, wie ein wirklich künstlich ausgestopfter und aus irgend einer Liebhaberei gerade hier hergestellter Gemsbock. Nur der weiß gestreifte Kopf schien Leben zu haben, und bewegte sich langsam bald nach dieser bald nach jener Seite.

»Da unten stehn jedenfalls Gemsen« flüsterte Ragg endlich, nachdem wir ihn wieder eine ganze Zeit lang schweigend beobachtet hatten, »es wird doch am Ende besser sein ich steige hinunter, und sehe zu daß ich ihn hier herauf bringe – der Wechsel ist gleich dort drüben an der kleinen Kiefer.«

Ragg ging nicht gern fort, denn er liebte es sich auszusprechen. Der Wunsch den Bock noch zu bekommen war aber doch stärker und überwand seine Schwatzhaftigkeit. So seinen Bergsack wieder schulternd, und Hut, Stock und Büchse vom Boden aufgreifend, gab er mir noch eine unbestimmte Anzahl von Vorsichtsmaßregeln, und verschwand dann im Dickicht, den nöthigen Umweg zu machen und dem Wild später unten in der Klamm in den Wind zu kommen.

Ich lag indessen oben, unter dem dichten Laatschenbusch auf der Brust und hatte jetzt Zeit und Muße genug den Bock zu betrachten. Drei Viertelstunden blieb er auch noch etwa auf derselben Stelle, den Platz nur manchmal um einen Schritt zur rechten oder linken wechselnd. Ein paar Mal kratzte er sich mit dem Hinterlauf vorn am Hals und hinter dem Gehör. Die Gemsen unten mußten aber verschwunden sein, denn er sah nicht mehr hinab, und es war fast als ob er sich nieder thun wollte, als er plötzlich rasch und aufmerksam den Kopf emporhob. Jedenfalls hatte er den nahenden Jäger in den Wind bekommen, oder auch gesehn, denn er schaute jetzt still und unverwandt nach der einen Richtung nieder.

Wieder verfloß eine volle Viertelstunde, und ich begriff schon gar nicht wo Ragg nur blieb, als ich diesen plötzlich in der Klamm, unterhalb dem Bock heraufkommen sah, ohne daß dieser auch nur gewichen wäre.

»Halloh!« rief der Jäger unten, und stieß mit seinem eisenbeschlagenen Stock auf die Steine – der Bock regte sich nicht – »halloh – huh – ah!« – er rührte sich nicht von der Stelle. Erst wie der Jäger höher und immer höher stieg, und schon fast in Schußnähe an ihn angekommen war, drehte er sich langsam ab, und nahm den Wechsel an.

Ich hatte mir indessen einen Platz ausgesucht auf dem ich gut hinüber schießen konnte, sobald der Bock nur hoch genug kam, und die Wand sah aus, als ob er möglicher Weise gar keinen anderen Weg nehmen könne. Was kann aber ein Gemsbock nicht, wenn er es sich einmal in den Kopf setzt. Plötzlich, ohne daß er im Stande gewesen wäre Witterung von mir zu haben, nahm er seitwärts eine ganz steile Wand an, an der er hin galopirte, als ob er auf breiter Straße gewesen wäre. Ragg schrie und gesticulirte unten, aber Alles umsonst, das störte ihn gar nicht, und an einer Wand von etwa siebzig Fuß Höhe, die scheinbar nicht den geringsten Halt selbst für den Fuß einer Gemse bot, glitt er, halb auf den Hinterläufen rutschend, hinab, sprang unten über den Bach, setzte die andere Wand hinauf, und war wenige Minuten später im Dickicht verschwunden.