Das ist ein Charakter, von dem wir in unserem Eisenbahn durchzogenen und durchflogenen Flachland kaum noch einen Begriff haben – giebt es ja doch selbst in den Bergen nur wenige seines Gleichen, ja kaum einen zweiten alten Gori. Es ist eine untersetzte kräftige Gestalt mit frischer Farbe und von mittler Größe, und unterscheidet sich in seinem Aeußeren durch wenig oder Nichts von den Uebrigen, aber kein Mensch sieht ihm an daß er schon zweiundsiebzig Jahre zählt, obgleich nicht soviel graue Haare auf seinem Haupte sind, und daß er sechzig davon hier in dem Thale zugebracht. Sechzig Jahre hier in den Alpen, in den engen Felsenkessel eingezwängt, ohne ein einziges Mal den Fuß hinausgesetzt zu haben in's flache Land, oder hinüber über die Alpen »auf die andere Seite.« Sechzig Jahre, und was seitdem geschehn da draußen, davon hat der Mann keine Ahnung; er kennt es nicht, er kümmert sich nicht drum. Als Knabe kam er her, auch nicht von weit, und was die nächsten Joche hier umspannen, ist für ihn die Welt. Andere haben ihm von der Herrlichkeit draußen, von den Wundern des flachen Landes, vom Dampf und seiner Kraft, vom Telegraphen, von weiten ebenen Flächen erzählt, über die man Tage lang marschiren könne, ohne den Fuß nur mehr als vom Boden zu heben; von Eisenbahnen, von Schiffen – von Amerika – er hört das auch recht gern, und nickt dazu mit dem Kopf und lächelt – aber all die Sachen haben für sein Ohr nur ein und denselben Klang: sie gehören der Welt nicht an in der die Riß fließt und existiren deshalb nicht für ihn. Amerika – das liegt »im flachen Land« – was soll er draußen?

Abgeschlossener sitzt kein Südseeländer auf seiner kleinen Insel mitten im Weltmeer, und lebt von seiner Brodfrucht und seinen Cocosnüssen, als der alte Gori hier im einsamen Thal, von Käse, Butter und Milch, und da ihm das Bedürfniß fehlt hinaus zu kommen, ist auch kein Grund vorhanden anzunehmen, daß er sich nicht vollkommen glücklich fühle. Trotz seinem Alter arbeitet er dabei noch rüstig fort, und hat sich auch wohl ein paar hundert Gulden gespart, oder hat er sie geerbt, ich weiß es nicht; in ihrem Besitz ist er aber, und das Capital scheint ihm die einzige Sorge zu machen, die er überhaupt im Leben kennt. Vorsichtiger Weise steckte er sein kleines Vermögen allerdings nicht in unzuverlässige Aktien sondern in einen alten Strumpf, die Welt aber, die er nun schon zweiundsiebzig Jahre kennt, scheint sich in dieser langen Zeit seine unbedingte Achtung doch nicht erworben zu haben, und Mistrauen bildet einen nicht unbedeutenden Theil seines sonst so einfachen Charakters. Demnach verbirgt er seinen Schatz auch bald hier bald da, ohne daß irgend Einer seiner Hausgenossen eine Ahnung hat, welcher Ort der bevorzugte sei; ja man kannte vor einiger Zeit den alten Gori noch nicht einmal als Capitalisten, bis die Sache auf eine wunderliche Art zu Tage kam. Einer der Arbeiter nämlich räumte eines Nachmittags den Holzkasten aus, und fand unten drin, zu seinem nicht geringen Erstaunen einen Strumpf mit Geld. Der alte Gori meldete sich da etwas bestürzt als Eigenthümer, und der Strumpf verschwand auf's Neue.

In früheren Jahren soll der alte Mann ein vortrefflicher Birkwildjäger gewesen sein, und da das, neben seinem Strumpf eigentlich die einzige sichtbare Leidenschaft war die er hatte, wurde ihm die Erlaubniß – die sonst nur die wirklich angestellten Jäger haben – jährlich in der Balzzeit einen Spielhahn zu schießen. Von der machte er denn auch Gebrauch, und erlegte richtig jedes Jahr den gestatteten Hahn. Vor zwei Jahren nun, doch fühlend daß er alt würde, und in einer Art von Ahnung, daß das vielleicht der letzte sein möchte den er schösse, beschloß er seine Jagd auf würdige Art zu beschließen, kaufte sich den erlegten Hahn um 48 Kreutzer, lud sich eine alte Köchin vom Schloß, die er achtete, zu Gast, und verzehrte mit ihr die muthmaßlich letzte Jagdbeute seines Lebens. Eigenthümlich muß dem alten Mann dabei zu Muthe gewesen sein.

So verging wieder ein Jahr – die Balzzeit kam auf's Neue heran, und der Greis fühlte zu seiner Freude, daß er die letzte Jagdfeier doch etwas zu voreilig angestellt habe und die Berge noch immer steigen, die Büchse noch immer führen könne. Wieder schulterte er die alte treue Waffe, suchte sein gewöhnliches Revier auf, lockte den balzenden Hahn und – das Gewehr versagte. Beim Anpirschen war ihm das Zündhütchen vom Piston gefallen, und kein zweites fand er in den ängstlich durchsuchten Taschen. Da ist er wieder zu Thal hinabgestiegen, und hat die Jagd aufgegeben, – wundern sollt' es mich aber nicht, wenn er es trotzdem dies Jahr noch einmal versuchte. Wir klammern uns ja Alle an das Leben und Keiner, mag er den Tod auch noch so ruhig und Gott ergeben erwarten, gesteht sich's gern und freiwillig ein: »ich bin jetzt fertig!«

Die Jäger, die nicht ihr Dienst gerade an ein entferntes Terrain fesselt, haben sich meist hier unten eingefunden; denen aber sieht man's an daß ihnen eine Beschäftigung, daß ihnen die Büchse auf der Schulter fehlt. Nach der Kirche schlendern sie müßig umher – und der Blick den sie manchmal zur Sonne hinaufwerfen, scheint die Zeit herbei zu sehnen, in der sie ihr fröhliches Werk auf's Neue beginnen dürfen. Auch der kleine Ragg ist unter ihnen, weiß aber von seiner Zeit besseren Nutzen zu ziehn als die Kameraden, und sucht Spielhahnfedern, kunstgerecht gebundene Gemsbärte, Stöße von Hasel-, Schnee- und Steinhuhn, und anderen Jägerschmuck zu ziemlich hohen Preisen an den Mann zu bringen.

Eigenthümlich an ihm ist selbst der Gang, mit dem er auf der belebten Straße oder im Hof dahin schreitet. Wie auf der Pirsche haftet sein Blick nicht zwei Secunden lang an ein und derselben Stelle, und sucht herüber und hinüber, bald auf den Boden hin nach den Fährten, bald nach links bald nach rechts hinüber. Wie ein Stück Wild, das draußen in den Bergen eine friedliche Heerde angenommen hat und mit ihr eine Strecke dahin zieht, scheu und mistrauisch aber der geringsten Bewegung, dem schwächsten fremden Laut mit Aug' und Ohr begegnet, während die zahmen Thiere friedlich und unbekümmert ihr Gras von der Lanne zupfen, so wandert der kleine, falkenäugige Gesell hier zwischen den ruhigen, sonntägigen Gestalten umher, und ordentlich erwartet hab' ich's oft, daß er bei dem ersten ungewöhnlichen Geräusch blitzschnell im Wald verschwinden würde.

Dort unter der hohen, breitästigen Tanne stehn zwei Männer in eifrigem, und wie es scheint, heimlichem Gespräch; wenigstens schweigt der kleinere von ihnen, der etwas ihm höchst Aergerliches vorzutragen scheint, jedesmal still wenn eine Gruppe der Jäger grüßend an ihnen vorübergeht, und wirft auch wohl einen mistrauischen, unzufriedenen Blick hinter ihnen drein. – Es ist Bandey, allerdings auch in der Jägertracht, aber doch kein rechter Jäger und mit mehr weichlichen, nicht so sonnverbrannten derben Zügen wie die Anderen, die ihn sich auch größtentheils nicht ebenbürtig halten. Er aber, der von seinem Geschäft eine ganz andere Meinung trägt, hat die Fischerei unter sich und den Forellenteich, und klagt heute Morgen dem Haushofmeister des Schlosses, einer langen würdigen Gestalt mit einer Feder hinter dem Ohr und einer Brille auf, sein schweres Leid. Sein Forellenteich ist ihm nämlich in der letzten Zeit, und nächtlicher Weise, arg geplündert worden, und er hat jetzt auf alle Welt Verdacht und traut Keinem mehr.

»Aber lieber Bandey, wer von den Jägern sollte es denn hier wagen, und Angesichts vom Schloß den Teich bestehlen? Das thäten sie ja schon nicht einmal dem Herrn zu Leide.«

»Die nicht?« sagt Bandey, der eine ganz andere Meinung von der Sache hat, »was machen die sich drauß? – sind doch die Hälft' von Allen nur zahmgemachte Wilderer. Aber ich krieg' sie. – Den Bandey lachen sie aus daß er nicht schießen könnt' – ich will's ihnen zeigen ob ich's kann oder nicht.«