Dann will ich gern zu Grunde gehn!«
ist nur ein Ausspruch dieses ewigen Drängens und Treibens, dieser rastlosen Ungenügsamkeit. Goethe war freilich kein Jäger; er hat nie die Wonne gekannt, nach dem blitzenden Schuß die scheue Gemse auf ihrer sicher geglaubten Höhe zusammenzucken, und prasselnd, klammernd in die Tiefe rollen zu sehn. Ich wenigstens wäre nach solchem Packt meinem Contrahenten schon verschiedene Male verfallen gewesen.
Kein Wunder denn daß es den müssigen Jäger, selbst aus dem reizenden Thal, aus dem freundlichen Schloß fort, und wieder hinauf in die Berge zieht, und wir segnen den Abend, der uns mit freundlichem Nicken und Sonnengruß den Bergstock auf's Neue in die Hand drückt, und unseren Pfad mit seinem schönsten Glanz, mit seinen rosigsten Tinten überstreut. Mir ging es da immer wie Jean Pauls gemüthlichem Schulmeisterlein Wuz, wenn der als Schulknabe noch in die Ferien zog – ich hatte Mitleiden mit allen Menschen die zurückbleiben mußten.
Und diesmal geht es nicht in ein bequemes Pirschhaus hinauf, sondern in den wildesten Theil der Berge, in die sogenannte Delpz, einen rauhen Thalkessel, in dessen Nähe ein Hochleger mit einer ziemlich geräumigen Almhütte liegt. Nur ein kleines Häuschen, etwa von der Größe eines zweischläferigen Schilderhauses, um ein Bett und einen Tisch hinein zu stellen, war dort aufgerichtet.
Die Leckbach aufwärts führt dorthin der wilde Weg, und rauheren Bergstrom giebt es wohl kaum in der Welt, wie jenes Thal. Der innere Kessel nämlich ist fast ganz durch das Abbröckeln und Niederbrechen der hinteren Wand, bei dem die Lawinen redlich mit halfen, vollgeschüttet worden, und riesige Felsblöcke sind von den mächtigen Schneestürzen weit thalab geschleudert, während der ganze Thalboden wie die Hänge, mit entsetzlichem Geröll (von den Bergbewohnern Reißen genannt) bedeckt liegen.
Diese Berghänge sind in steter Bewegung, denn steil und schroff ausgerissen, löst sich fortwährend locker hängendes Gestein, am meisten bei nasser Witterung und Thauwetter, ab von der Wand, und rollt und springt in's Thal nieder. Die Gemsen die dort stehn sind auch an solch Geräusch gewohnt, und achten gar nicht mehr darauf.
Oben im Baumgarten-Joch liegt die Almhütte, und selbst der Name »Baumgarten« klingt hier wie Schmeichelei, denn es wächst kein einziger Baum dort bei den Hütten, während nur von Osten her der aus dem Thal heraufdrängende Wald bis in die Nähe reicht. Der Nacken des Jochs und der benachbarten Hänge ist aber mit gutem, nahrhaftem Gras bedeckt, und nach der Delpz hinüber läuft die Lanne bis zum höchsten schroffen Rand.
Das ist überhaupt eine Eigenthümlichkeit dieser Gebirge daß sie an ihrer Nord- und Südseite einen durchaus verschiedenen Charakter zeigen. In der gewöhnlichen Bergregion und bis etwa zu 4500 Fuß tritt dieser allerdings noch nicht so augenscheinlich hervor; wie sich aber die Gebirge über diese Höhe aufstrecken, nimmt die Nordseite, während an der Südseite die Graslannen fast ununterbrochen bis zum Gipfel laufen, ihren wilden trotzigen Charakter an. Fast bei all diesen Bergen besteht der Nordhang aus schroffen, meist senkrechten Wänden die grau und starr emporragend der ganzen Landschaft etwas unbeschreiblich Großartiges, Kühnes geben, das sich aber, sowie man das Auge nach Süden wendet, ganz verliert.
Allmählig steigt man deshalb auch an der Südseite dieser meisten Berge, ohne weitere Schwierigkeit als hie und da eine etwas steile Lanne, empor, und sieht sich plötzlich, sowie man den höchsten Gipfel erreicht, an einem oben scharf abgebrochenen furchtbaren Abgrund, der jäh unter den Füßen wegsinkt, und an vielen Bergen nicht einmal von der Gemse begangen werden kann.
So steigt zum Beispiel die Carwendelwand, wie die Nordseite des Carwendelgebirgs mit Recht genannt wird, so steil und glatt empor, daß keine Gemse dort hinüber kann, und meilenweit thalab oder aufwärts wandern müßte, ehe sie einen schmalen Paß fände, der an einer oder der anderen Stelle, meist durch nieder gebrochenes Gestein begünstigt, ein Aufklimmen möglich machte – aber wir kommen dort noch hin.