Wir haben jetzt das Baumgarten-Joch betreten, und schreiten noch kurze Strecke den Hang hinab, wo die niederen flachen Almhütten, Schildkröten nicht unähnlich, auf dem Bauche liegen. Der Boden ist hier merkwürdig vom Vieh mishandelt worden, das sehr thörichter Weise immer wieder in seine eigenen Fußtapfen tritt, und die Wiese dadurch in eine künstliche Sammlung von Schlammlöchern und Grasknollen verwandelt. Im Dunkeln ist es kaum möglich über solche Stellen fortzukommen, ohne Hals und Beine, wenn auch nicht zu brechen, doch jedenfalls zu riskiren. Unterwegs war übrigens kein Wild zu sehn, da die Jäger und Lastträger etwa eine Stunde früher (Einige davon überholten wir noch unterwegs) hier eingetroffen waren. Nur dicht an der Alm angekommen, sahen wir die Jäger unter der Thür der großen Hütte stehn, und mit ihren »Bergspectiven« nach dem grasigen Rand des Delpzkessels hinaufschauen, wo sich sechs oder acht Gemsen, unbekümmert um die sich unten bewegenden Menschlein ästen. Sie waren jedenfalls Leute da unten an der Alm gewöhnt, und wußten recht gut daß ihnen die Delpz, sowie sie nur irgend Jemand gegen sich ankommen spürten, jeder Zeit einen sicheren Rückzug bot.
Die Baumgarten-Alm ist ebenfalls ein Hochleger der Sennen, und diese Art Hütten werden hier in den Alpen in Hoch-, Mittel- und Unterleger eingetheilt. In die Unterleger, die am tiefsten unten am Berg liegen, ziehen die Sennen im Frühjahr, oder Anfangs Sommer, sobald der Schnee dort gewichen ist, während die höher liegenden Strecken dem Vieh noch nicht zugänglich sind. Wie der Schnee schwindet, rücken ihm die Hirten nach, und nehmen dann im Mittelleger ihre Wohnung, bis sie im hohen Sommer mit ihren Heerden die oberen Alpen beziehen, und sich dann, freilich nur für kurze Zeit, im Oberleger einquartieren können. Der eintretende Winter oder Herbst treibt sie wieder hinab, und Anfang Oktober verlassen sie die Alpen ganz, in die tiefer gelegenen Thäler, meist nach Lenggries, Tölz und die dortige Umgegend zurückzukehren. Die meisten dieser Hirten die jene Almen pachten, sind bairische Unterthanen.
Beim Hinuntersteigen ist es indeß schon fast ganz dunkel geworden. Oben am Hang sah es freilich so aus, als ob die Hütten dicht darunter lägen, und doch, wie lange braucht man jetzt sie zu erreichen. Und die verzweifelten Grasknollen! sie sind kaum noch zu erkennen, stauchen aber den Körper bei jedem Fehltritt. Ja, es wird Nacht – nur auf den höchsten Jochen liegt noch das Dämmerlicht des scheidenden Tages.
Der Platz selber sah auch wild und abenteuerlich genug aus. Fünf oder sechs zu den verschiedensten Zwecken benutzte Almhütten lagen bunt zerstreut, die Ecken nach jeder Richtung durch einander kehrend, an dem nackten Hügelhang, und kein einziger Baum versprach gegen den Wind Schutz, für die Sonne Schatten. Der Boden selber zwischen den einzelnen, aus rohen Stämmen roh aufgerichteten Gebäuden, war von dem Vieh zu einem sanften Brei getreten, und hatte nur oberflächlich Zeit bekommen wieder abzutrocknen. Die eingedrückten Klauenspuren machten ihn dabei rauh und holperig, während er zugleich eine gewisse ängstliche Elasticität bewahrte.
Hell leuchtete indeß das Feuer aus dem inneren Raum der größten Hütte, die einem, aus Versehn platt gedrückten gewöhnlichen hölzernen Wohnhaus nicht unähnlich war. Etwa dreißig Fuß lang und zwanzig breit begann das mit Steinen reichlich beschwerte Schindeldach schon etwa sieben Fuß vom Boden, und hob sich in der Mitte höchstens bis zwölf Fuß hoch. – Wie aber sah es da im Innern aus.
Wenn noch vor ein paar Monaten, vielleicht vor Wochen, stille Hirten ihren Käse und »Schmarren« hier gekocht und hölzerne Löffel und andere friedliche Werkzeuge der Butter- und Käsebereitung auf den Querbalken der Hütte gelegen, so hatte diese jetzt dafür ein ganz anderes Aussehn gewonnen, und sich sehr zu ihrem Vortheil verändert.
Statt der schläfrigen Sennerinnen, die damals ihre Blechpfanne auf den Kohlen herumgestoßen haben mochten, wirthschaftete jetzt der Koch in schneeweißer Jacke, Mütze und Schürze zwischen dem, so gut als möglich untergebrachten Vorrath und Geschirr. Die friedlichen Hirten hatten rüstigen bärtigen Jägern Platz gemacht, und auf den Querbalken lag eine wackere Reihe von vierzehn bis sechzehn Stück Doppelbüchsen und Büchsflinten drohend ausgestreckt.
Das Eigenthümlichste in dem weiten, sonst eben nicht eleganten Raum waren aber zwei mächtige Feuerplätze, rechts und links von der Thür in den nächsten Ecken, und die Feuerstellen nur durch aufgesetzte Steine von der rohen Balkenwand, etwa drei Fuß hoch getrennt, während die Flammen lustig gegen die schon glänzend schwarz gebrannten, und wie glasirten Balken aufloderten.
Um das Feuer rechts sammelt sich jetzt die Schaar der Jäger und Träger, die kurzen Pfeifenstummel im Mund, erzählend und lachend und die Vorgänge der letzten Tage besprechend, während an dem Feuer links die Jagdgesellschaft Platz nimmt. Aber einzelne der Jäger drücken sich auch mit seitwärts an dies Feuer an. – Sie wissen schon wie freundlich man mit ihnen ist, und lauschen gar zu gern dem was dort gesprochen wird, und sie oft weit hinweg aus ihren Bergen führt.
Und merkwürdige Gestalten sieht man dabei, von denen der Leser erst die wenigsten kennt.