Weinseisen heißt einer von ihnen, ein Bursche in den besten Jahren noch, wenn auch schon mit mancher Falte in Wange und Stirn. Ihm fehlt ein Auge – aber Niemand weiß das, denn eine ziemlich breite, nach innen gekrümmte Locke hat er so trefflich über das fehlende hinüber gezogen, daß es die Lücke auch nicht auf einen Moment sichtbar werden läßt. Er gilt dabei als Einer der besten Jäger im Revier, und ist still und schweigsam; vermißt auch das eine Auge nicht, denn das andere ist so scharf, als ob es einem Jochgeier gehörte.
Ein anderer ist Michel, unstreitig der hübscheste von allen; ein junger Bursch von sechsundzwanzig Jahren, mit einem gar so offenen ehrlichen und guten Gesicht, und so treuen blauen Augen, denen das freundliche Lächeln prächtig steht. Ein guter Jäger und kecker Steiger wie Alle, hat er eine besondere Vorliebe, einen besonderen Blick für Blumen, und vom Edelweiß, das oben in den schroffen Nordwänden der steinigen Gebirge steht, bis zum blau und rothen Vergißmeinnicht das an den Bächen der hochgelegenen und geschützten Thäler keimt, sucht und findet er die einzelnen Blüthen, die der einbrechende Herbst bis dahin noch verschont. War sein Weg den Tag über noch so rauh und wild, prangt sein Hut gewiß, kehrt er Abends zurück, von einem Blumenflor.
Wie wohl thut es Einem, wenn man sich lang wieder in der civilisirten Welt herumgetrieben, und dort die ausgemergelten, faden, geputzten nur vom Schneider zusammengehaltenen Menschenbilder geschaut hat, auf so kräftige Glieder, in so ehrliche Augen zu blicken.
Die Leute da oben, ob sie fast durchaus in einer Wildniß leben, und wenig mit Menschen zusammen kommen, haben auch gar nichts Aehnliches mit dem Bauer des flachen Landes, und gleichen weit eher den ungezwungenen wilden Gestalten der amerikanischen Backwoodsmen. Der deutsche Bauer ist nur zu oft denen gegenüber die er über sich weiß, scheu, täppisch und unbeholfen, oder gar kriechend; gegen die die ihm gleich stehn und seine Untergebenen, oder gegen Aermere grob und hochfahrend. Der Bergbewohner hat dagegen eine ihm angeborene Natürlichkeit, ja ich möchte sagen Grazie, die sich in allen seinen Bewegungen ausspricht. Er ist nie scheu und verlegen, selbst nicht den Höchsten gegenüber, er ist aber auch nie grob und unverschämt, und sein natürliches Gefühl führt ihn fast stets den richtigen Weg – den Weg eines Mannes der da weiß daß er das leistet in der Welt was man von ihm verlangt – verlangen kann.
Alle diese Leute hängen dabei mit einer unendlichen Liebe an ihrem hohen Jagdherrn, und die Zeit die der bei ihnen zubringt, ist ihnen nicht eine Zeit der Mühe und Arbeit, trotz den beschwerlichen und gefährlichen Wegen die sie in den Tagen zu durchsteigen haben, sondern mehr wie ein fröhliches Fest auf das sie sich das ganze Jahr schon freuen, und das ihnen, neben der fröhlichen Jagdlust, ja auch Verdienst und Nutzen bringt. Ihr Stolz ist dabei der waidmännische Betrieb der Jagd, das Schonen des edlen Wildes, das ausgenommen, was jährlich in einem so tüchtig besetzten Revier nun einmal abgeschossen werden muß. Und daß der Herr sich dem mit solcher Lust und Liebe hingiebt, und so wacker mit ihnen über die schroffen Pfade, in die steilsten Hänge hineinsteigt, und eben so wenig die dichten ungeleckten Laatschen, wie die bröcklichen Wände scheut, das freut sie vor allem Anderen.
Und wie traulich sitzt es sich an den knisternden Flammen, die selber toll und lustig ihre goldenen sprühenden Funken zum schwarz gebrannten Dach emporwirbeln, und welchen wunderlichen Schein werfen sie auf die bunt darum gruppirten malerischen Gestalten. Es ist gerad kein fürstliches Gemach das uns umgiebt, und die rauhen Stämme die die Wand bilden, der nackte Boden, der etwas wackelige Tannentisch der in der Mitte steht, die wunderlichen »Lehnstühle« selbst am Feuer, die aus halbdurchgebrochenen rund hölzernen Schüsseln bestehn – in denen es sich aber ganz vortrefflich sitzt, – das an die Wand gehangene Tischtuch selbst, den ärgsten Zug mit abzuhalten, der doch noch außerdem Zugang genug hat, ließen vielleicht in Hinsicht der Eleganz Manches zu wünschen übrig, aber – es ist ein ächtes Waidmannslager in den Bergen, und wer daran Lust und Freude findet wie der Herzog, und nicht verweichlicht genug ist gepolsterten Sitz und mit den gewohnten Bequemlichkeiten ausgestattete Umgebung zu vermissen, dem geht das Herz hier auf, und sendet seine knisternden sprühenden Funken hinan in Kopf und Auge, wie die Flamme da.
Das ist dann die Zeit für die Erzählungen und Berichte der Jäger aus den angrenzenden, und zum ganzen Revier noch gehörenden Distrikten, denn nicht der dritte Theil vom ganzen Jagdgrund wird wirklich bejagt.
Wo in den Bergen ein verdächtiger Schuß gehört ist, wird besprochen, und wo die meisten Gemsen stehn; wie es sich mit dem Rothwild stellt, und dem Raubzeug, und ob kein Luchs wieder in den Bergen gespürt worden.
Raubzeug giebt es in der That nur noch sehr wenig im Gebirg, und wohl kann man sagen leider, daß dem so ist, denn wie viel interessanter würde die Jagd dadurch. Ließe sich aber wirklich einmal wieder ein Bär da sehn, da wär' der Teufel auch sicherlich in den Bergen los, denn Alles würde in der ganzen Umgegend aufgeboten werden ihn zu erlegen oder zu vertreiben. Begnügte er sich freilich mit Wild und Gemsen, ließen ihn die Hirten wohl gern in Frieden, aber die alten schwarzpelzigen Burschen setzen es sich in den Kopf auch manchmal ein Rind todt zu schlagen, oft aus lauter Uebermuth, oder um sich nach Tisch ein wenig Bewegung zu machen, und das können die Hirten nicht vertragen.