Auch kein Luchs läßt sich mehr in den Bergen sehn, von denen die Schweiz doch noch einige aufzuweisen hat. Nur der Fuchs treibt in ziemlicher Anzahl die hohe Jagd auf Hasel-, Schnee-, Birk- und Steinhühner, lauert dem weißen Alpenhasen auf, wenn er zu Nacht um die verlassenen Sennhütten spazieren geht, und wagt sich auch wohl, wenn ihm die Gelegenheit dazu wird, an ein Gemskitz.

Mitten zwischen den Jägern steht, um einen halben Kopf größer als irgend einer der anderen, trotz der etwas in einander gedrückten Stellung, eine rauhe, eben nicht übermäßig reinliche, aber enorm kräftige stattliche Figur, mit rothem Gesicht, blondem Haar, gutmüthigen blauen Augen, riesigen Fäusten und einem alten Maserkopf im Mund.

Braver, ehrlicher Jackel, wie manche schwere, schwere Last hast Du auf Deiner »Kraxen« unermüdet, unverdrossen immer willig, immer guter Laune hinauf zu Berg getragen, wie manche Gemse, und zwei und drei manchmal zu gleicher Zeit, hinunter in das Thal. Aber Du verdienst auch eine nähere Beschreibung, und sie soll Dir werden.

Jackel ist ein Original, aber eins, an dem man seine rechte Freude haben kann. Von kräftigem, breitschulterigem, knochigem Körperbau, stark und muskulös, und dabei viel größerer Gestalt, als man es seiner Breite gleich ansieht, eignet er sich vortrefflich für das Geschäft dem er sich, während der Jagd wenigstens, unterzogen zum Lasttragen, und es ist wirklich kaum glaublich was der Mann öfters die steilen hohen Berge auf seinen Schultern stundenweit hinauf schafft. Er theilt dabei, nicht zu seinem Vortheil, den, ich möchte fast sagen Aberglauben der Leute seines Standes und Gewerbes wie auch mancher anderer Arbeiter im Gebirg (bei den Jägern selber hab' ich es nie bemerkt), den Aberglauben nämlich, daß ihm ein reines Hemd zur Schande gereiche. – »Die Leut' müssen ja denken man arbeitet Nichts, wenn man immer wie Sonntags herumgeht« sagt er, und übertreibt seine Gewissenhaftigkeit, selbst den Schein zu vermeiden, sogar bis über den Sonntag hinüber und in und durch die nächste Woche.

Seine Lebensbedürfnisse sind dabei eben so einfacher Art. – Vom Revier kauft sich z. B. Jackel in der Herbstjagd einen starken Gemsbock – zwei Winter liefern ihm dabei zwei Gemsdecken, was gleichbedeutend mit einer ledernen Hose ist. – Das Wildpret davon wird aber, bis auf das letzte Genießbare, getrocknet und für den Winter aufbewahrt, und »in kleinen Stücken« zur Mahlzeit »daß es recht lange reicht« verzehrt. Dazu gehört aber noch Schmarren – das einzige wirkliche Bedürfniß der Bergbewohner, denn ohne Schmarren könnten sie nicht bestehn. Er ist ihnen, was der Reis dem Indier, der Damper dem australischen Schäfer, die Eichel dem californischen Indianer, die Brodfrucht dem Südseeländer, das Maniokmehl dem Neger, die Kartoffel dem Deutschen, der Mais dem Amerikaner – und die Bereitung dabei einfach genug. Sie besteht aus Mehl mit Schmalz oder Butter in der Pfanne gebraten oder geschmort. Mehl mit Milch oder Wasser angerührt kommt nämlich als Brei, wie zu einem Pfannkuchen, in die Pfanne. Hier aber wird ihm nicht gestattet sich zu einem abgerundeten Ganzen zu formiren, sondern die brodelnde, zischende, backende Masse fortwährend mit einem Messer oder anderen Instrument gestoßen und geärgert, bis es endlich zu einer bröcklichen, von dem Fett je mehr desto besser durchdrungenen Masse quillt. Mit ein paar Pfund Mehl und ein wenig Schmalz ziehen diese Leute auch im Winter, wo besonders die Jäger die entlegenen Reviere begehen müssen, wochenlang in dem Schnee der Berge umher, lagern in den einsamen öden Almhütten und behaupten daß ihnen der Schmarren mehr Kräfte gebe als selbst das Fleisch.

Eine Anekdote von Jackel wird aber ein viel besseres Bild von ihm entwerfen, als ich im Stande wäre hier mit bogenlanger Beschreibung zu liefern.

Ein älterer Herr aus der Jagdgesellschaft sah eines Tages, als er eben an einer ziemlich steilen, wenigstens sehr rauhen Wand hinpirschte, einen Mann dieselbe, nur mit einem Stock und einem Bergsack auf dem Rücken, herunterkommen. Er blieb stehn, und erkannte bald zu seinem Erstaunen Jackel der, mit einem Schuh an, und den andern Fuß nackt, über das scharfe Geröll unbekümmert niederstieg und ganz ruhig, auf die überraschte Frage des Herrn wo er den anderen Schuh gelassen, erwiderte, er habe ihn nach Lengries, der sieben Stunden entfernten Stadt, zum Schuhmacher gebracht, und müßte nun so lange bis er gemacht sei, so herumgehn. Der Schütze äußerte dabei sein Befremden daß Jackel hier in den rauhen Bergen solcher Art umherliefe, während er selber kaum mit seinen kräftigen Schuhen fortkomme. »Ja, es geht klein gut da hier« meinte Jackel ruhig, »nicht wahr es wird Ihnen sauer hier oben? – ja, wer nicht daran gewöhnt ist kommt schlecht fort – aber ein Stück weiter unten ist's schon ein Großes besser, und – wenn's Ihnen recht ist, trag ich Sie da hinunter.«

Die Proposition wurde im gutmüthigsten Ernst gemacht, und hätte es der Schütze angenommen, Jackel würde ihn mit der größten Freundlichkeit, und ohne irgend etwas Außerordentliches darin zu finden, den steilen steinigen Hang trotz seinem einen nackten Fuß wirklich hinunter getragen haben.