»Ja – ich glaub's auch,« sagte Ragg mit ebenso vorsichtig gedämpfter Stimme.

»Hu – ah – h – h – h!« tönte da draußen, kaum vier hundert Schritt vom Haus entfernt der Ruf auf's Neue klar und deutlich herüber, und mit einem freudigen Lächeln in den Zügen horchten alle dem wohlbekannten, so gern gehörten Laut – aber keiner regte sich.

»Hu – ah – h – h – h – h!« noch einmal der wunderbare Schrei – leider waren aber jetzt die Hunde ebenfalls aufmerksam geworden – Bergmann der mit am Feuer lag, hatte schon lang geknurrt – und Pirschmann, der draußen war, schlug an. Das mochte dem Hirsch doch nicht angenehm sein, denn er wurde nicht wieder laut.

»So was könnt' ich die ganze Nacht zugehör',« sagte Martin.

Das Gespräch lenkte indessen bald wieder in die frühere Bahn ein – in das was eben das praktische Leben der Jäger und ihre alltäglichen Erlebnisse, und dann auch wohl einmal ein außergewöhnliches Abenteuer betraf.

Merkwürdiger Weise existiren in diesen wilden Bergen nämlich gar keine Sagen, während die Schweiz deren so viele birgt. Alles was die Menschen hier umgiebt, ist reelle Wirklichkeit, und wie fast jedes andere europäische Volk seine Kobolde oder Wichtelmännchen, seine Nymphen oder Nixen, oder wo die fehlen wenigstens irgend das eine oder andere anständige Gespenst hat, das dann und wann einmal sich sehen läßt oder Glück oder Unglück bedeutet, sind diese schönen Berge hier jedes solchen geheimnißvollen Zaubers beraubt. Man hat die armen Geister mit der trockenen Vernunft sauber hinausgefegt aus Schlucht und Klamm und von den hohen Jochen nieder, auf denen sie doch gewiß einmal in früherer Zeit gehaust.

Gespenstergeschichten sind aber auch eigentlich in den Bergen nichts nütz. Der Mann braucht dort seine fünf gesunden Sinne, den Gefahren die ihm seine schwere Bahn schon ohnedies in den Weg wirft, kaltblütig die Stirn zu bieten. Es ist keineswegs gesagt, daß das Herz, das der augenscheinlichsten Todesgefahr ohne ängstliches Klopfen entgegengeht, nicht stillstehn würde, wo es sich um irgend ein abgeschmacktes, wenn nur übernatürliches Schreckniß handelt – wir haben davon auf See und Land zu viele Beispiele. Hat es der Mann allein mit der Natur zu thun, und wenn sie ihm in allen ihren Schrecken entgegenträte, kann er sich mit kaltem Blut und festem Muth noch manchmal retten – kommen übernatürliche Schrecken, kommt irgend ein toller Aberglaube dazu, so ist er fast immer verloren.

»Ist nicht neulich einmal Einem von Euch hier ein Unglück auf der Jagd passirt? – Wenn ich nicht irre, hat sich Einer geschossen.«

»Von uns nicht,« nahm Wastel das Wort. »Kaltschmidt's Bruder ging die Büchse los, und er hat sich zwei Finger zerschossen.«