»Durch Unvorsichtigkeit?«
»Nein. Er hatte einen Gemsbock erlegt, läd't seine Büchse wieder und steigt dann hinüber ihn zu holen. Dort angekommen, wo der Bock im Feuer zusammen gestürzt war, bricht er ihn auf, packt ihn in den Bergsack und hebt sich den auf den Rücken. Wie er aber die neben ihm lehnende Büchse über die linke Schulter wirft, reißt ihm der Büchsenriemen ab, oder das Leder geht aus der Schraube, und als er unwillkürlich mit der Hand zufährt, sie zu halten, greift er dabei vor den Lauf, der Hahn trifft wahrscheinlich auf einen Stein, der Schuß fährt heraus, und die Kugel schlägt ihm den vierten Finger ganz und den dritten halb weg. Nun hat er erst eine ganze Weile nach seinem Finger gesucht, ihn aber nicht wieder gefunden, und mußte ihn draußen lassen.«
»Er war doch nah bei Menschen?«
»Das gerade nicht,« sagte Wastel lachend – »er mußte drei Stunden gehn bis er zu Hause kam. Seinen Bock hat er aber darum nicht im Stich gelassen, und ist glücklich damit heim gekommen.«
Es war nichts Uebertriebenes in dem Bericht. Mit der furchtbar verstümmelten Hand hatte der Mann die schwere Gemse, die doch etwa ihre 50 östr. Pfund wiegt, den weiten Weg allein zurückgetragen, und war nachher glücklich geheilt worden.
»Und solche Fingerwunden sind gar schlecht«, meinte Weinseisen – »der Waldwart weiß auch davon zu erzählen.«
»Ja, aber ich habe mich nicht geschossen,« fiel der Angeredete in's Wort, – »mich hat ein Wilderer hinein gebissen.«
»Ein Wilderer?«
»Es sind nun schon ein paar Jahre her, da hört' ich, als ich vom Heimjoch eines Tages nieder stieg, in der Laures einen Schuß. Ich machte daß ich hinüber kam und ungefähr in der Gegend, wo ich glaubte daß es gewesen sein könnte, vorsichtig herumpirschend, sah ich plötzlich einen fremden Kerl mit einer grauen Joppe, und einem schwarzen Bergsack neben sich, auf einem Stein sitzen und ganz behaglich frühstücken. Dicht bei ihm lehnte sein Stutzen und vor ihm lag eine Geis, die er eben geschossen hatte. Der Wind ging gerade ziemlich stark und ich konnte dicht an ihn hinankommen. So, eh' er sich's versah, sprang ich auf ihn, und drohte ihn über den Haufen zu schießen wenn er die Hand nach der Büchse ausstreckte. Was wollte er machen – ich war im Vortheil und er mußte thun was ich von ihm verlangte. Ich nahm ihm also vor allen Dingen den Stutzen weg und hing ihn über, ließ ihn die Geis einpacken und aufhucken, und dann mußte er mit mir zu Hause gehn. Er jammerte freilich ich sollte ihn laufen lassen, aber das durfte ich nicht, und so waren wir bis vielleicht eine Viertelstunde vor meinem Haus gekommen, als er mich bat ich möchte ihn einen Augenblick niedersetzen lassen – er sei so müde. Er legte den Bergsack ab, und ich blieb neben ihm stehen. Wie ich nun dachte daß er gerastet, sagt' ich ihm wir wollten weiter gehn, und er gehorchte auch und that als ob er den Sack wieder aufnehmen wollte. Als er sich aber danach niederbarg, erwischte er einen Stein, den er sich wahrscheinlich schon vorher dazu ausgesucht hatte, fuhr wie der Blitz wieder in die Höh', und schlug mich damit an den Kopf. Nun glaubt' er freilich er hätt' mich, aber damit war's gefehlt. Ich packte ihn bei der Schulter und Kehle, und wenn's auch ein junger Kerl war, wär' er mir doch nicht fortgekommen. Da erwischt er meinen Daumen hier zwischen die Zähne daß ich glaubte, er hätt' ihn mir schier abgebissen, und wie ich ihn im ersten Schmerz losließ, stieß er mich von sich, und war im Augenblick nachher in den Laatschen drin. Das war das letzte was ich von ihm gesehn habe, und mein Finger wurde nachher gar arg schlimm.«