Einen wunderbaren Anblick bot, als der Tag völlig angebrochen war und die Sonne das hohe pyramidenförmige Joch des Scharfreuters beschien, der Kessel selber. Die Dämmerung hatte sich aus diesem noch nicht ganz hinausarbeiten können, und der Schnee der auf den Reißen der Nordseite lag, schillerte in bläulich matter Farbe. Kein einziger Busch war zu erkennen; nur drüben unter dem Scharfreuter der die südliche Grenze desselben bildet, wuchsen kleine verkrüppelte Laatschen. Links hob sich dabei die vollkommen kahle schroffe Wand viele hundert Fuß empor und grad' aus lief sie zu einem engen niederen Passe nieder.

Wenn man so da lag und hineinschaute, sah es auch aus als ob der ganze Platz kahl, und leicht zu übersehen wäre, nicht eine Ratte hätte sich ja darin verbergen können, außer vielleicht hie und da hinter einem niedergebröckelten Stein. – Ich war aber mistrauisch gegen diese Augentäuschung geworden, die mich schon einige Mal irre geführt, und untersuchte vorsichtig auch den kleinsten dunklen Punkt mit meinem Fernrohr.

Wenn es nur nicht so furchtbar kalt gewesen wäre – und dann der Schweiß vorher. Wunderbarer Weise hat aber ein Temperaturwechsel, der im flachen Lande und in der dicken schweren Luft da unten die schlimmsten Krankheiten nach sich ziehen müßte, hier nicht die geringsten Folgen. Man friert eben oder wird heiß, und mit der Ursache ist auch die Wirkung vorbei.

Zwei volle Stunden mochte ich so auf der einen Stelle gelegen haben, da klapperte ein Stein! – noch in weiter Entfernung zwar, aber es war da jedenfalls etwas unterwegs. Oben auf der Wand wurde auch jetzt ein Jäger sichtbar – nicht größer wie ein Fingerglied stand er oben, und nur sein ha – ho! schallte klar und deutlich nieder. Da donnerte ein Schuß durch den Kessel, und brach sich rasselnd an der rauhen Wand – ich sah auch den blauen Dampf in einem kaum erkennbaren Wölkchen aufsteigen, weiter war aber nichts zu sehn. Da – dort waren Gemsen, sieben – acht – neun Stück, klein wie die Ameisen die an einer Kalkwand hinlaufen, sprangen sie über den weißen Schnee der Reißen, gerad' nach mir zu. Die kamen sicher hier herüber. Jetzt sind sie plötzlich verschwunden – das was ich von hier für ebenen Grund gehalten, sind tiefe Schluchten und Spalten und einer von diesen folgend haben sie sich dem inneren Kessel zugewandt, dort vielleicht hinunter und in das Thal nieder zu brechen. Aber dort steht auch ein Schütze der sie schon empfangen wird.

Es sieht wundervoll aus, wenn die kleinen winzigen Dinger so flüchtig über die Steine wegsetzen. Was für einen Spektakel sie dabei auf dem Geröll machen – und doch sind sie so weit entfernt. Jetzt kommen sie dort plötzlich, als ob sie aus der Erde herausdrängten, wieder zum Vorschein. Hei, wie sie dem Engpaß zuspringen an dem – Wie von einer Kugel getroffen, knickte ich zusammen und in den Schnee hinein, denn dort vor mir – kaum vierhundert Schritt entfernt, und in schnurgerader Linie auf mich zu, kam ein alter pechschwarzer Bock langsam über den knatternden Schnee daher getrollt. Vorsichtiger Weise hatte ich mir heute Morgen ein weißes Tuch mitgenommen, das ich jetzt über den Kopf band, die dunklen Haare zu verdecken, dann die Büchse spannte und mich nun langsam aufrichtete, den Bock zu empfangen, oder wenn er zu weit nach unten einbiegen sollte, anzuspringen. – Er war stehn geblieben, und schaute jedenfalls nach dem Rudel hinunter das jetzt durch den vom Schnee freien Kessel setzte. Wie er so dastand sah er wahrhaftig aus wie ein dreijähriger Keuler, so schwarz und zottig und anscheinend plump auf den Füßen.

Ich fing jetzt vor Kälte und Aufregung an zu zittern, daß mir die Glieder ordentlich am Leibe flogen, aber das dauerte nur wenige Momente, und jetzt drehte sich auch der Bock langsam nach mir um und – verschwand. Im Schnee war er auf einmal wie geschmolzen, und da ich fürchtete daß er auch am Ende, wie das Rudel, irgend eine Spalte angenommen haben könnte und dieser dann thalab folgte, sprang ich in die Höh' und aus meiner Höhlung heraus auf den höheren Rand, dort jedenfalls mehr Uebersicht zu haben, und einen freieren Schuß zu bekommen. Unwillkürlich sah ich dabei nach unten hin, als es über mir wieder krachte und der Bock jetzt, der dort auf's Neue zum Vorschein gekommen war, und mich jedenfalls gesehen hatte, in voller Flucht über den Schnee fort und dem steilen Felsrand zusauste, der ihn vor meiner Kugel gesichert hätte. Die wurde ihm aber, ehe er noch zwanzig Sätze gemacht; die Kugel schlug auch vortrefflich und der Bock zeichnete; nichts destoweniger setzte er mit unverminderter Schnelle seinen Lauf fort, und mein zweites Rohr – versagte.

Das todte Niederschlagen des Hahns auf das Hütchen ist unter allen Umständen ein fataler Laut, hier aber, nachdem man ein paar Stunden im Schnee gelegen hat und bald erfroren ist, bringt es Einen wirklich zu gelinder Verzweiflung und man faßt unwillkürlich die Büchse, als ob man ihr etwas zu Leide thun wollte – man thut ihr aber Nichts.

»Piff – paff« – ging es jetzt auch unten im Thal, und als ich den Kopf dorthin wandte, sah ich wie das Rudel den schmalen Engpaß angenommen, und trotz dem dort stehenden Schützen forcirt hatte.

Mir machte jetzt indeß mein eigner Bock zu schaffen, und vor allen Dingen den abgeschossenen Lauf wieder ladend, und dem anderen ein frisches Zündhütchen aufdrückend, nahm ich meinen Hut und Bergstock, und kletterte an dem harten Schnee hinauf, den Anschuß zu untersuchen. Der Bock selber war lange um die Felswand verschwunden.

Schweiß! – beim Himmel! ein großer dunkler Tropfen, gleich dort wo ich die Fährte fand, und weiter zurück wo die Kugel in den Schnee gefahren, lagen abgeschossene Haare. Der Bock hatte hier gleich vom Anfang an auf beiden Seiten geschweißt; und war jedenfalls durchgeschossen. Für jetzt ließ sich indessen weiter Nichts thun als den Anschuß zu verbrechen – aber womit? Kein Busch stand auf tausend ja vielleicht zweitausend Schritt. Ich that endlich das Einzige was mir übrig blieb, ich legte meinen Hut auf den Schweiß und stieg nun in's Thal hinab wo sich die Schützen schon sammelten. Oben auf der Wand halloten die Treiber noch, und warfen dann und wann Steine nieder. Lärm genug machten die allerdings, wenn sie mit hohlem Sausen in's Thal hinab donnerten; nützen konnten sie aber für den Augenblick Nichts weiter.