Laute giebt er in dieser Zeit nicht von sich, ein leises, nur in geringer Entfernung hörbares Mekkern ausgenommen. Er soll aber dann, besonders wenn die Jahreszeit weiter vorgerückt ist, außerordentlich neugierig werden, und herbei kommen sobald er etwas Ungewöhnliches sieht – vorausgesetzt natürlich, daß er keinen Feind wittert.
Die Jäger bethören ihn auch wohl manchmal, indem sie, dicht versteckt hinter einem Fels oder Busch, ihren Hut mit dem weißen Stoß von Schneehuhn oder Birkwild daran, langsam hin und her bewegen, worauf der Bock gar nicht selten herbei kommen soll, zu sehn was es gäbe. Einzelne haben sich auch schon schwarze wollene Mützen mit einem breiten weißen Streifen an jeder Seite stricken lassen, die sie dann über den Kopf ziehn, und diesen an irgend einem Felsenvorsprung oder aus einem Busch heraus zeigen. Merkwürdig ist, daß sich in dieser Zeit, dicht hinter den Krickeln des Bocks, am oberen Theil des Kopfes, eine eben nicht ambraduftende Anschwellung, der sogenannte Brunftknopf bildet, der etwa zu der Größe einer Haselnuß anwächst.
So scheu der Bock im Allgemeinen ist, und so sehr er besonders den Menschen fürchtet, ist doch in der Riß schon einmal ein Fall vorgekommen, wo eine Gemse unten im Thal, und auf dem Fahrweg, einen dort vorbeikommenden Menschen aus freien Stücken angefallen, und bös gestoßen hat.
Merkwürdig bleibt das überhaupt in der Naturgeschichte der Thiere, und für uns ein bis jetzt noch keineswegs aufgeklärtes Geheimniß, daß ausnahmsweise, und in einem uns nicht erklärbaren Zustand von Aufregung und Wuth sonst ganz friedliche und furchtsame, wenigstens den Menschen fürchtende Geschöpfe diesen anfallen, und dann auch nicht eher ablassen bis sie getödtet oder unschädlich gemacht werden. Ich weiß solche Beispiele von Füchsen, Wieseln, Mardern, wilden Katzen, ja selbst mit dem Hasen soll es vorgekommen sein, und jener Gemsbock liefert ebenfalls den Beweis dafür.
Von großen Thieren bieten Elephanten und Rhinocerosse ähnliche Beispiele, diese aber meist in der Brunftzeit, wenn sie von einem stärkeren Gegner besiegt wurden und nun in höchst verdrießlicher Laune allein den Wald durchziehn. Sie fallen dann Alles an was ihnen in den Weg kommt. Die Wallfischfänger ebenfalls kennen die Gefahr der ihre Boote ausgesetzt sind, wenn sie einen einzeln umherstreifenden Pottfisch (Cachelot, Spermfisch) angreifen. Ist ja doch schon der Fall mit dem englischen Schiff Essex vorgekommen, daß es ein einzelner Spermfisch selber ungereizt angefallen und in Grund gebohrt hat.
Ueberhaupt kennen wir bis jetzt nur erst leider die alleräußersten Umrisse des Familienlebens der wilden Thiere, denn die eingefangenen leben in einem ganz unnatürlichen Zustand, und können keinen Maßstab geben, während in der Wildniß selber eine genauere Beobachtung unmöglich ist. Es fehlt uns der Schlüssel zu ihren Handlungen, wir verstehen ihre Sprache nicht, und begnügen uns gewöhnlich mit dem einen nichtssagenden Wort Instinkt das, was wir Außergewöhnliches von ihnen zu sehn bekommen, zu erklären.
Der Bock in Sicht.