Die Nacht wehte ein fliegender Sturm, und der Mundkoch behauptete am nächsten Morgen, daß ihm gerade um Mitternacht die Mütze, die er im Bett aufbehalten, im Bett vom Kopf geflogen sei. Rein und wolkenlos brach aber der nächste Morgen wieder an, und da hier nicht weiter gejagt werden sollte, wurde das Lager zum Abend auf die Grasberg-Alm beordert. – Weiter war Nichts nöthig, und der Kammerdiener besorgte das Uebrige.
Auf dem Weg dorthin sollten einige, zwischen der Baumgart- und der Grasberg-Alm liegende Gräben geriegelt werden. Gemsen zeigten sich hier überall, und wenn auch natürlich die wenigsten zum Schuß kamen, wurden doch wieder vier erlegt; drei von des Herzogs eigener Hand.
Ich saß unten, ziemlich tief im Graben in einer schattigen Felsspalte drin, da die Sonne warm auf die Berghänge schien, und die Luft dort aufzog. Völlig gedeckt mußte ich übrigens Alles, was mir etwa hätte schußmäßig kommen können, schon zeitig genug hören oder sehen, mich fertig zu machen. Ich vertrieb mir also damit die Zeit, durch mein Perspektiv zwei alte Kitzgeisen zu beobachten die sich an einem grasigen Abhang ästen, während die beiden kleinen niedlichen Kitzen, die eben die kurzen Krickeln etwa zwei Zoll hoch zeigten, lustig um sie herumsprangen, auf den beiden Hinterläufen tanzten, die kleinen kaum bewehrten Köpfchen gegeneinander andrückten, und sich gerade so benahmen, wie sich ein paar junge übermüthige Ziegenböckchen an ihrer Statt benommen haben würden. Obgleich die Gemse nicht zum Ziegen-, sondern zum Antilopengeschlecht gehört, hat sie in der Bewegung und Lebensart doch manche Aehnlichkeit mit ihr. Sonst halten sich die beiden aber in den Bergen, wo sie doch manchmal zusammentreffen, ziemlich entfernt von einander, und man soll eher Gemsen zwischen Schafheerden auf der Aesung finden, als zwischen Ziegen, obgleich das erstere ebenfalls sehr selten geschieht.
Von da wo ich lag konnte ich den oberen Pirschweg ziemlich deutlich erkennen, der sich wie ein matt-lichter Streifen hie und da über nacktes Gestein hinzog, bald zwischen Laatschenbüschen verschwand und an einer kleinen Lanne oder sonst offenen Stelle wieder zum Vorschein kam. Wie ich zufällig einmal den Blick hinaufwarf, sah ich sich etwas bewegen, und das Fernrohr dorthin richtend erkannte ich bald einen geringen Hirsch – es mochte ein Sechs- oder Achtender sein – der, von einem Thier gefolgt, langsam den Pirschweg hin und zwar nach Osten zuhielt. Der Hirsch blieb dabei manchmal stehn und äugte zurück, trollte aber dann immer wieder rascher vorwärts, als ob ihm da hinten etwas nicht recht gefalle.
Ich zerbrach mir noch den Kopf darüber, was ihn in aller Welt könne beunruhigt haben, da er sich vollständig außerhalb des Treibens befand, als ich plötzlich zur Linken, auf demselben Pfad, etwas Weißes aus den Büschen vorleuchten sah. Rasch richtete ich mein Glas dorthin, und erkannte bald zu meiner innigen Freude den Kammerdiener und den Koch die, Beide in Hemdsärmeln – und der heiße Tag rechtfertigte vollkommen eine solche Erleichterung – die Röcke durch den linken Arm gesteckt Einer hinter dem Anderen in angenehmer Unterhaltung daher kamen, und den Hirsch mit dem Thier ebenfalls zu einem, wahrscheinlich gar nicht beabsichtigten Spatziergang nöthigten. Der Mundkoch trug dabei etwas in der Hand, das hin und her schaukelte und eigenthümlich in der Sonne blitzte, was es sei, ließ sich indeß in solcher Entfernung nicht gut erkennen. Es war dies übrigens das friedlichste Hirschtreiben das ich je gesehn, und hätte der Hirsch ebensowenig von seinen Treibern gewußt, wie diese von ihm, wären sie beide jedenfalls näher zusammen gekommen. So ließ sich das Wild noch eine Zeitlang den Pirschweg gefallen, und verschwand dann endlich in einem, nach unten in den Graben führenden Dickicht.
Einen eigenthümlichen Anblick hatten wir an dem Abend, als wir, schon etwas nach Dunkelwerden, die Grasberg-Alm-Hütte erreichten. Unten die Thäler lagen schon in tiefer Nacht, und selbst die Berge zeichneten sich düster gegen den noch hellen Horizont ab. Dicht hinter den Häusern stieg eine kahle, nur von breiten Streifen, fast wie angelegten Beeten von Alpenrosen bedeckte Anhöhe hinauf, und lief, nach dem Kumpar hinüberführend, mit ziemlich ebenem Rücken etwa tausend Schritt von Nord nach Süd. Der kahle Rand stach jetzt desto auffallender gegen den noch lichtgrauen Himmel ab. Oben aber, daß der ganze Körper bis zu den Klauen hinunter deutlich sichtbar blieb und fast so aussah, als ob er zierlich aus schwarzem Papier geschnitten wäre, stand ein Hirsch, spitz gegen uns gekehrt, und beobachtete aufmerksam den Einzug der ihm jedenfalls unwillkommenen Gäste. Regungslos verharrte er dabei in seiner Stellung und man konnte mit dem Fernglas deutlich das ausgreifende Geweih erkennen, bis wir durch eine Senkung des Hügelhangs seinen Blicken entzogen wurden. Aber selbst dann beruhigte er sich noch nicht, und wenige Secunden später tauchte der schlanke Körper wieder auf einer anderen etwas vorragenden Stelle des Hügelrückens auf, von wo aus er die Häuser selber überschauen konnte. Dort stand er bis es so dunkel geworden war, daß man ihn kaum noch erkennen konnte, und verschwand endlich, wie in den Berg hinein.
Das Wetter blieb die letzten Tage ziemlich schwankend. Den Tag über hatte es manchmal ein wenig geregnet, manchmal die Höhen mit dichtem Nebel umzogen; auch der Wind war eben nicht zum Besten gewesen. In der Nacht drehte er sich indessen nach Südost herum, die Luft wurde kalt und rein, vom Himmel funkelten Myriaden Sterne, und gegen Morgen deckte leichter Reif den Boden.
Ich war früh aufgestanden, in erster Morgendämmerung die Aussicht nach den gegenüberliegenden Bergen zu haben. Von hier aus hatten wir den Blick auch in ein anderes Thal, dessen Pulsader, der klare muntere Bergstrom, wie der Johannisbach, an der Carwendelwand entsprang, und sein Wasser von Nord nach Süd in die Riß hinein jagte. Laut aufjauchzen hätte ich aber mögen, als ich hinaus vor die Thür der Hütte trat und von dem nächsten, kaum dreißig Schritt entfernten Grashang das zu meinen Füßen liegende Thal, die gegenüber liegende Berggruppe überschaute.
Ich will versuchen den Anblick zu beschreiben aber, lieber Gott, wie weit bleiben da Worte hinter dem wundervollen zauberschönen Bild zurück das sich hier, wie durch den Stab eines Magiers heraufbeschworen, vor meinen Blicken entrollte, und mir die Seele mit Lust und Jubel füllte. Das ganze Rißthal unter uns, soweit das Auge darin nach rechts hinunter, nach links hinauf schweifen konnte, wie das schmale, zwischen dem Falken und Roßkopf nach der Carwendelwand zulaufende Laritter Thal war in der Tiefe mit dichtem milchweißem Nebel angefüllt, aus dem die grünen bewaldeten Wände wie die dunklen Ufer eines Nebelstroms emporstiegen. Darüber hoch hinaus ragten die starren Kuppen der ewig schönen Berge vor uns, mit den kühn gerissenen Gipfeln des Gemsjochs während links der Kumpar sein spitzes Haupt in die blaue Luft hineinreckte. Ein Duft lag dabei über dem Allen, wie er sich weder mit Farbe noch Feder schildern läßt, und wie die Sonne höher und höher stieg, und der Nebel da unten Leben und Bewegung bekam, wie es den Wiederschein von den Gipfeln in's Thal hinunterwarf, wie sich die schneeigen luftigen Schichten anfingen zu rollen und ineinander zu drängen, und ihre Ränder jenen eigenen wunderbaren fast durchsichtigen Rosenschimmer annahmen – wie es da endlich mehr und mehr zu wogen begann, als ob die Bergriesen dadrinnen die Schultern gegengestemmt hätten, und die weiße Fluth mit aller Macht zum Thal hinaus schöben, wie hie und da ein kleiner Bergesvorsprung inselgleich und dunkel daraus empor stieg, daß ihm die weißen Schwaden durch die Wipfel seiner Bäume schwindend, schmelzend über den Nacken flossen und die ganze Pracht des morgenglühenden Thales jetzt plötzlich sichtbar ward, da wußte ich gar nicht mehr wie mir geschah, so leicht, so froh, so glücklich fühlt' ich mich, und hätt' ich mich nicht vor den Jägern geschämt, ich glaube, ich wäre dem nächsten Baum um den Hals gefallen, und hätte laut geweint.
Es giebt ja aber auch nichts Edleres, nichts Reineres als die Natur. Wer sich ihrer freut, wem Gott Empfänglichkeit dafür in's Herz gelegt, der hat ein Recht sich den bevorzugt Glücklichen zu zu zählen, denn überall auf dieser weiten wunderschönen Welt sind ja Genüsse für ihn ausgestreut.