Eigenthümlicher Weise erfaßte mich hier ein ganz ähnliches Gefühl als damals, als ich das erste Rauschen der Palmen über mir hörte. In jener heiligen Ruhe der Tropenwelt unter den mächtigen wunderbaren Bäumen vermochte ich den Eindruck unwillkürlich nichts Anderem zu vergleichen, als dem stillen heimischen Schneefall in einem Fichtenwald, wenn die großen Flocken so langsam und sanft hernieder sinken, zwischen den grünen schützenden Zweigen durch, und mit der weichen reinen Decke den Boden warm belegen. So zitterte mir hier, den wilden trotzigen Alpen, dieser gigantischen, kühn gerissenen Bergesschönheit gegenüber, dasselbe selige Gefühl durch's Herz das ich empfand, als ich vom Megamendong in Java nieder das herrliche Preanger Thal mit seinen einzelnen Fruchtbaum-Oasen, seinen dichten Wäldern und all seiner tropischen Pracht vor mir ausgebreitet sah – und doch wie ganz verschieden sind die beiden Scenen.

Dichter und compakter sammelte sich indeß, während die Sonne höher stieg, der Nebel, rollte langsam, ein Zeichen guten Wetters, zum Thal hinaus und weiter in's flache Land –, und unsere Jagd begann.

Aber ich darf den Leser auch nicht mit Wiederholungen ermüden. Wohl hätt' ich ihm freilich gewünscht das wundervolle Schauspiel mit zu genießen, das uns noch einmal über Tag am Heimjoch der Nebel in seinen eigenthümlichen Schatten und Formen gab, oder ihn einmal über einen der dortigen Pirschwege in die Bockgräben, und so mitten in die wilde Fels- und Schluchtenwelt da eingeführt, doch versäumen wir leider zu viel Zeit dabei.

Diese Pirschwege, so behaglich das Wort Weg auch in den Bergen klingt, darf man sich übrigens nicht etwa zu bequem denken. Sie sind meist immer nur angelegt vollkommen unerreichbare Klammen und Wände passiren zu können, und dort hinein zu pirschen, oder – wenn man auf die andere Seite will – weite, oft stundenlange Umwege, zu sparen. Das würde aber einestheils sehr viel und hier in den Bergen äußerst werthvolle Zeit kosten, und dann ist auch ein Anschleichen an die scheuen, mit so scharfen Sinnen begabten Gemsen an solchen Stellen ohne derartige Hülfe fast ganz unmöglich – wenn man nicht eben Tagelang darauf verwenden will und kann, sie zu durchkriechen. Die Spitzhacke hat dabei oft nur in sehr rauher Weise eine natürliche Ader des Felsens benutzt, dem Fuß geringen Halt zu bieten, oder das Jagdmesser über die Klippen hier nur einfach durch die Laatschen Bahn gehauen. Gar nicht selten aber ziehn sich diese sehr schmalen Pfade an schroffen wilden überhängenden Wänden schwindelnd hin, und der Wanderer muß sich wohl hüten dem Steine nicht nachzuschauen der von seinem Fuß berührt mit dumpfem langem – langem Fall die blaue Tiefe sucht.

Die Jäger sagen daß ein solcher Stein den Menschen nachziehe, und Unglücksfälle dadurch herbeigeführt, sollen allerdings schon vorgekommen sein, ja nicht einmal zu den Seltenheiten gehören. Die Ursache liegt aber auch dafür klar auf der Hand, denn während der Stein senkrecht an der Wand niederfällt muß er allmälig, je tiefer er fällt, mehr und mehr aus dem Gesichtskreis des Nachschauenden kommen der, um ihm mit den Augen zu folgen, gezwungen ist sich weiter und weiter nach Außen zu biegen. Dadurch kommt er mit dem schweren Oberkörper unmerklich über den Abgrund, und mag er so schwindelfrei sein wie er will, er muß das Gleichgewicht verlieren. Ueberhaupt ist das Steigen da oben an den Wänden herum manchmal wirklich, wie der Amerikaner sagt »viel zu interessant, um angenehm zu sein.«

Stillleben.

Ein Pirschpfad.

12.
Das Gemsjoch.