Das waren Gemsen – vorsichtig hob ich den Kopf zwischen den wild umhergestreuten Steinen empor, und sah eins der schönsten Schauspiele, das sich der Gemsjäger nur wünschen und ersehnen kann.
Der Gipfel des Gemsjochs theilte sich in drei ungleiche Spitzen, von denen die beiden westlichsten die höchsten, die östlichste, die vielleicht tausend Schritt von der westlichsten entfernt ist, etwas, aber nur wenig niedriger liegt und in einen kleinen spitzen Kopf aufläuft.
Auf dieser Spitze, die vier Läufe dicht zusammengedrängt, den schönen Kopf hoch und sichernd gehoben, stand eine Gemse und etwa zwanzig Schritt weit unter ihr, während noch andere über den Rand des Abhangs, scheinbar aus der blauen Luft, heraufstiegen, befand sich das Rudel, im Ganzen vielleicht zwölf oder dreizehn Stück.
Die Wachtgemse stand voll und klar gegen den lichtblauen Himmel abgezeichnet, und die sichere Ruhe mit der das prachtvolle Thier den weiten Plan, auf dem es jede nahende Gefahr leicht und rasch erkennen konnte, als Schildwache oben für das ihr anvertraute Rudel überschaute, war ein Anblick, den ich im Leben nicht vergessen werde. Das Rudel selber, das jedenfalls durch einen der unten durchgehenden Treiber heraufgescheucht worden, schien sich indessen auch ganz auf seine Wache zu verlassen, und vollkommen sicher zu fühlen. Die jungen Thiere spielten mit einander, und die Alten pflückten hie und da an den süßen Grasbüscheln herum – mehr wahrscheinlich zum Desert und aus Naschhaftigkeit, als aus wirklichem Hunger.
Endlich stieg die Wachtgemse, gewöhnlich eine Geis, von ihrem hohen Standpunkt langsam nieder. Ob sie da unten wieder etwas Verdächtiges gewittert, oder sonst mehr Verlangen nach der Seite trug, auf der ich lauernd mit gespannter Büchse lag, aber plötzlich setzte sie sich an die Spitze des Zuges, und kam in kurzem Galop auf dem äußersten Rand des Berges ein Stück hin, verschwand dann in einer scharf eingeschnittenen Schlucht, die die beiden Kuppen von einander trennte, mit dem ganzen Rudel, und stieg klappernd und die lockeren Steine hinter sich ausstoßend, den kleinen Hang herauf, an dessen äußersten Rand ich, vollständig gedeckt, ihrer herzklopfend harrte.
Nun ist es eine alte Gemsjägerregel, die mir von allen Seiten wieder und wieder gegeben worden, nie auf ein ankommendes Rudel zu schießen. Erstlich kommen sie spitz, – immer schon ein böser Schuß; dann ist die erste im Zug jedesmal eine alte Geis, während die Böcke nachfolgen, und dann – ist es eben gar nicht nöthig. In solchem Fall, besonders wenn man gedeckt ist, muß man die ersten des Rudels erst vollständig vorüber lassen, ja womöglich ein Dritttheil desselben, und sich dann erst einen Bock heraussuchen, auf den man in solchem Fall auch viel ruhiger und sicherer schießt. Außerdem hat man bei solchem Verfahren auch noch die Gewißheit, daß die schon vorbeigesprungenen Gemsen unter keiner Bedingung wieder umkehren, und die anderen, die noch zurück sind, folgen ihnen, es mag auf sie geschossen werden so viel da will. Der zweite Schuß ist daher eben so sicher anzubringen als der erste.
Hätt' ich also dort oben meine Zeit ruhig abgewartet, so mußte das ganze Rudel auf kaum zehn Schritt an mir vorbei, und an Ausweichen war auf dem schmalen Kamm gar nicht zu denken. Wie ich aber das immer stärker werdende Klappern auf den Steinen hörte, das gerade so klang, als ob es links und rechts um mich her in allen Ecken und Spalten lebendig würde, da ging mir der Athem aus, das Herz fing an zu hämmern als ob es mit hinaus wollte, ebenfalls zuzusehn was da passire, und alle Warnungen und Rathschläge, alle guten Vorsätze, alle Erfahrungen selbst, waren in dem einen Moment unbeschreiblicher Aufregung und Leidenschaft vergessen. Die Büchse im Anschlag richtete ich mich in meinem Versteck auf, und wie die ersten Krickeln nur hinter den Steinen vorsahen, und ich den dunklen Schatten eines Körpers erkennen konnte, gab ich Feuer.
Ich weiß nicht einmal ob es geknallt hat – weiter Nichts als das wilde Hals-über-Kopf-Hinabstürzen der erschreckten Thiere hörte ich, die aber auch im nächsten Augenblick in der Schlucht verschwunden waren, und als ich dort nachsprang, und noch einmal hinter den Flüchtigen auf etwa zweihundertfünfzig Schritt – und ich muß zu meiner Schande gestehn, nachfeuerte, stob das ganze Rudel auseinander, und eilte wieder der Stelle zu, auf der ich sie zuerst gesehen hatte.
Allerdings sonderte sich ein Bock vom Rudel ab und rutschte, zu meiner innigen Freude, ein ganzes Stück den ziemlich steil da ablaufenden Hang hinunter, ob er aber vielleicht nur ausgerutscht war – und warum sollte das einer Gemse nicht auch geschehen können – oder mich gar damit verhöhnen wollte, ich weiß es nicht, spätere Nachsuche auf der Fährte ergab nicht einen Tropfen Schweiß, der auf dem grauen Geröll überall deutlich sichtbar gewesen wäre. Bald darauf schloß er sich auch wieder seinem Rudel an.