Gleich nach dem Schuß kam ein ganzer Flug Alpendohlen – sonst entsetzlich scheue Vögel, die den Jäger nicht auf hundert Schritt hinanlassen – um den Gipfel des Jochs herum. So wie sie mich da oben aufrecht stehen sahen flogen sie auf mich zu, kreisten mir, auf kaum zwanzig Schritt um den Kopf und stießen sogar nach mir, wobei mir ein paar so nahe kamen, daß ich sie fast hätte mit der Flinte schlagen können.

Die Alpendohle, oder auch Schneekrähe genannt, ist ein wunderhübscher zierlicher Vogel, etwa von der Größe einer Elster, wenn nicht noch etwas stärker, nur ohne die langen Schwanzfedern, mit bläulichem Schiller auf ihrem schwarzen Gefieder, hellgelbem Schnabel, grellrothen Ständern und gar so munteren braunen Augen. Ihr Pfeifen klingt auch fast melodisch, und wie sie munter und gesellig in den Alpen herumtummeln und in der Luft kreisend zusammen spielen, hab' ich sie immer gern gehabt. Jetzt aber kamen sie mir ungelegen. Das Pfeifen nach dem schlechten Schuß behagte mir auch nicht. Ich zielte auf den rasch über mir hinstreichenden Vogel, und schoß ihm mit der Kugel eine seiner Flügelfedern durch. Das nahmen jedoch die anderen sehr übel, begannen einen Heidenlärm, wobei sie sich übrigens in weiterer Entfernung hielten, und strichen dann nach unten. Gleich darauf fiel dort auch ein Schuß und unser Jagdgeber hatte einer der ebenfalls nach ihm stoßenden Krähen mit der Kugel Kopf und Hals abgeschossen.

Das ist Alles recht schön und gut – übereilt hat sich schon mancher sonst vollkommen ruhige alte Jäger und vorbeigeschossen auch. Der Schütze soll noch geboren werden, der da sagen kann er habe nie gefehlt, aber der Heimweg – der Abend nach solchem Fehlschuß. Wenn man gleich mit einem Satz darüber hinweg auf den nächsten Tag und in das nächste Treiben hinein springen könnte möcht's noch gehn, aber so überdenkt man die letzte unglückliche Scene wieder und wieder, hört den ganzen Abend, die ganze Nacht das Rudel über die Steine klappern, weiß jetzt ganz genau wie man es hätte machen sollen, und daß trotzdem der Augenblick im ganzen Leben nicht wiederkehrt, und ist mit einem Wort, in einer verzweifelten Stimmung.

13.
Die Nebeljagd.

Kalt und trübe brach der nächste Morgen an, und dicker undurchdringlicher Nebel lag im Thal, in dem er erst etwa um zehn Uhr Morgens ein wenig in Bewegung kam. Nichts ist aber peinlicher, als in den Bergen durch schlechtes Wetter einen Jagdtag zu verlieren, und wie sich deshalb auch nur die Luft ein klein wenig günstiger gestaltete, und die Jäger ihr »Ich meinet halt doch es sollt' schon etwas besser werden,« herausgegeben, wurde der Aufbruch bestimmt.

Unser Ziel lag an diesem Tag an dem oberen Theil des Engthals, das vom Laritterthal, in dem wir uns befanden, nur durch einen sogenannten »Hügelrücken« getrennt war, und leicht erreicht werden konnte.

»Leicht erreicht werden,« ja. Der Paß lag allerdings dicht unter der Carwendelwand, und bestand aus nicht sehr steilen Grashängen, was aber hier zu Land ein Hügel heißt, ist anderswo ein Berg – wie ja die Leute auch ein stundenbreites Thal einen Graben nennen. Wir mußten auch, immer noch im dicken Nebel, wacker zusteigen den höchsten Kamm zu erreichen und waren tüchtig warm dabei geworden. Oben wurden wir dann angestellt, und den angeblichen Kessel vor uns – denn sehen konnte man keine fünfzig Schritte weit – die Jäger abgeschickt ihn einzuriegeln. Standen Gemsen darin so mußten sie Wind von den Treibern bekommen, in welchem Fall sie dann rascher flüchtig werden, als wenn sie den Feind erkennen konnten.

Der kalte Luftzug der aus dem Thal heraufstieg that mir im Anfang, nach dem scharfen Steigen wohl – von Erkältung weiß man ja hier überhaupt Nichts. – Ich nahm also meinen Mantel aus dem Bergsack, hing ihn um, drückte mich hinter einen einzelnen Stein von der Größe eines mäßigen Elephanten, der allein zu meiner Bequemlichkeit dort von irgend einem Bergriesen hingeschleudert schien, und erwartete geduldig den Beginn der Jagd – d. h. das Klappern der Steine, das die heranprellenden Gemsen verrathen würde.

Es war ein wunderlicher Platz – der Nebel lag voll und schwer auf dem ganzen Thal, in das der Hügel, auf dessen Kamm ich saß niedersenkte. Der Phantasie blieb dabei der weiteste Spielraum gelassen, sich dort hinein den Horizont des Auges nach Gefallen auszudehnen. Wie ich deshalb so träumend auf das ungewisse milchige Dämmerlicht hinausschaute, aus dem nur, von den Wänden zurückgeworfen, das dumpfe Rauschen des Bergbachs herüber tönte, kam es mir plötzlich vor, als ob ich am kahlen felsigen Strand des Meeres sitze, das an dem Fuß desselben Hügels seine Wellen peitschte, und seiner Brandung Donnern im dumpfen hohlen Brausen zu mir herübersandte.