Lebhafter hab' ich wachend noch nie geträumt, und in der Erinnerung an frühere ähnliche Scenen, konnt' ich mir jetzt schon gar keine Berge dort hinein mehr denken. Das mußte Meer sein. Wie das dumpf kochte und rauschte, und wenn der Nebel sank und dort hinaus dem Auge Freiheit gab, dann lag auch sicher die blaue See vor mir, und einzelne weiße Segel zogen wie leuchtende Punkte darüber hin.

Wenn es nur nicht so schmählig kalt gewesen wäre.

Jetzt wurde der Nebel oben lichter; die Sonne brach sich mit einem einzelnen Strahl wenigstens Bahn, und im Zenith erschien der blaue Himmel. Endlich! Jetzt zog auch der Wind schärfer aus dem Thal herauf – er schnitt im wahren Sinn des Worts durch Mark und Bein – und dort – ich vergaß Gemsen und Jagd über das Schauspiel das sich plötzlich, als ob ein riesiger Vorhang mit einem Wurf zurückgeschleudert würde, vor meinem Blick entfaltete. Mit Windesschnelle öffnete sich der Nebel und wich nach beiden Seiten so zurück, daß er wie durch ein gigantisches Medaillon den Blick hinausgestattete. Vor mir aber – so dicht daß meiner Meinung nach die Armbrust einen Bolzen hätte hinübertragen müssen stieg dunkel und massenhaft, eine Riesenmauer, die Carwendelwand empor, und blaue zerfließende Lichter schossen dabei, wie nach einem Brennpunkt, in der Mitte dieses wunderbaren Bildes zusammen und schmolzen für jetzt noch die einzelnen Theile ineinander. Allmählig löste sich aber auch dies – das Bild wurde rein und klar, und scharf gezeichnet lag plötzlich dort drüben, wo ich die See geträumt und so hoch aufragend daß ich empor schauen mußte ihre dunklen Ränder in dem sich wieder mit Nebel bedeckenden Himmel zu suchen, die schroffe Wand, mit allen ihren einzelnen Spalten und Rissen vor mir da. Während aber fast den vierten Theil der ganzen Höhe, die Reißen einnahmen, die sich der Berg in's Thal hinabgeschüttelt, lag auf diesen Reißen wieder, noch immer von dem jetzt lichter gewordenen blauen Schein übergossen, ein breiter Streifen Schnee den dort der letzte Winter noch gelassen.

Wunderbarer Weise zog sich der Nebelrahmen jetzt mehr und mehr zusammen, die schärfsten Lichter auf die Mitte werfend und dort – auf dem Schnee – deutlich konnte ich es mit bloßem Auge erkennen – regte sich ein dunkler Gegenstand, und kroch langsam und gerade, dem Zug der Wand folgend, darüber hin.

Ich würde es für eine einzelne Gemse gehalten haben, wenn es mir nicht so entsetzlich klein vorgekommen wäre – aber was konnte es sonst sein – vielleicht ein Fuchs? Ich nahm das Fernrohr rasch aus seinem Futteral, richtete es und erkannte in dem kleinen Punkt – einen Menschen – einen Jäger der dort an der scheinbar senkrechten Wand in solcher ungeheueren Entfernung noch seine mühsame Bahn verfolgte.

Als ob der Nebel sich aber nur geöffnet mir das zu zeigen, flossen in diesem Augenblick wieder breite glänzende Strahlen nach der Mitte zu – das Medaillon schloß sich, und dichter als vorher lagerte die weiße Nacht auf Berg und Thal.

Und was für ein kalter Zug mit dem Nebel wieder von da unten herauf und über den Hügel strich – die Zähne fingen mir an zu klappern und in der Aussicht jetzt, daß wir hier sitzen müßten bis der Jäger, den ich eben erst als kleinen dunklen Punkt gesehn, seinen Bogengang um den Kessel her vollendet hätte, wickelte ich mich nur fester und verzweifelter in meinen Mantel.

Wie lange ich so gesessen weiß ich nicht; der Nebel wurde aber immer dichter, und das einzige Vergnügen das ich mir unter der Zeit machen konnte war, an eine recht gut geheizte Stube zu denken. Wie die Aufregung dieses plötzlichen Phänomens, – ich kann es kaum anders nennen – vorüber war, kam der Frost mit verdoppelter Schärfe wieder, und ich fror, wie nur ein unglückseliges auf einem kalten Stein, in einem solchen Nebel und auf solcher Höhe sitzendes Menschenkind frieren kann.

Das Treiben nahm auch kein Ende – der Nebelvorhang war wieder gefallen, und auf's Neue träumte ich mich an der Seeküste – irgendwo in der unmittelbaren Nähe des Eismeers. Endlich – Gott sei Dank das war ein Geräusch – endlich doch ein Wild zum Schuß, denn wenn es hier nur sichtbar wurde hätt' ich es auch mit einem Blasrohr treffen können. Ich machte mich rasch fertig, konnte aber kaum den Hahn der Büchse spannen, so steif war ich gefroren. Da kam's über das lockere Gestein herauf – mit Gewalt brachte ich den Kolben an den Backen – schon sah ich, über den Büchsenlauf hin, sich einen dunklen Schatten bewegen – sobald sich das als ein alter Bock auswies. – Erschrocken setzte ich die Büchse ab und den Hahn in Ruh – der Schatten gehörte einem der Jäger und der Mann stieg in Schweiß gebadet, den rauhen mühseligen Hang herauf. – Ich konnte ihn nur um seine Temperatur beneiden.

Das Treiben war vorbei; die Schützen kamen, ohne daß ein einziger Schuß gefallen wäre, auf dem Hügelrücken zusammen und wie froren sie. Wir sahen alle blau und roth marmorirt im Gesicht aus, und wenigstens eine halbe Stunde scharfen Marschirens war nöthig, mich nur einigermaßen wieder biegsam zu machen.