Heute blieb freilich nicht mehr viel zu thun. Nichts destoweniger wäre es Schade gewesen den ganzen übrigen Tag ohne weiteren Versuch aufzugeben.
Bei dem gestrigen Auszug hatten wir an einer der, dicht unter der Carwendelwand liegenden Reißen zwei starke Böcke gesehen. Wenn die alten Burschen jetzt noch dort oder in der Nähe standen, war es vielleicht möglich ihnen mit Hülfe des Nebels anzukommen. Die Luft schlug abwärts, und wenn die Schützen unten und seitwärts vorgestellt wurden, konnte sie nachher ein einziger Treiber losgehn.
Vorsichtig schlugen wir deshalb, von einem der Treiber geführt, einen schmalen Vieh- und Gemspfad ein, der quer unter den Reißen, aber noch in ihrem Bereich hinführte, und merkwürdig war in der That diese wilde Welt, durch die wir jetzt hinschritten. In eine Wolke von Nebel gehüllt, blieb nur die nächste Nähe sichtbar, und diese bestand einzig und allein aus Steinen die von der Größe eines mäßigen Wohnhauses, bis hinunter zu der eines Chausseesteines in toller Mischung durcheinander lagen. Kein Busch, kein Grashalm war dabei zu sehn, nur Nebel und Felsgeröll und das Rücktheil des vor Einem hinschreitenden Jägers. Und wie mußte das hier donnern und schmettern wenn die Felsstücke von der mehre tausend Fuß hohen steilen Wand unter der wir hinschritten, zu Thal stürzten. Und wenn nun gerade jetzt ein solcher Brocken sich losgebrochen und seinen Weg hierher gefunden hätte? An ein Ausweichen wäre gar nicht zu denken gewesen, denn wie Kanonenkugeln prellen solche Stücke, nur einmal in Schwung gebracht, bergab. Störend war in der That der Gedanke, daß wahrscheinlich in diesem selben Augenblick hunderte solcher Blöcke über uns, nur vielleicht noch durch ein wenig Erdreich gehalten, hingen, und von der geringsten Ursache losgestoßen werden konnten. Wenn die jetzt niederbrachen, über uns – um uns her – –
Es ist ein unbehagliches Gefühl an solchen Stellen hinzugehn, an denen das Leben eigentlich nur an einem nicht zu verhindernden Zufall hängt – es hat Aehnliches mit dem Spatzierengehen in den Straßen einer verpesteten Stadt, wo man kaum zu athmen vermag.
Alle Wetter – da oben ging's schon los! –
Wie wir eben an einer Stelle vorüberschritten die solch unnöthiges Baumaterial in außergewöhnlicher Masse geliefert zu haben schien, polterte es plötzlich über uns in den Steinen, und einzelne kleine Carwendelwandsplitter, von der Größe eines gewöhnlichen Kinderkopfes kamen springend nieder.
Das waren jedenfalls Gemsen – deutlich konnten wir sie auch, vielleicht nur wenige hundert Schritt von uns entfernt, davon klappern hören – aber zu sehn war weiter Nichts, als die unerbittliche weiße Decke, die uns umhüllte. Rasch wurden jetzt die nöthigen Befehle ertheilt den Platz auf dem die Gemsen plötzlich zu halten schienen, zu umstellen, und sie doch vielleicht noch zum Schuß zu bekommen. Martin, dem der Boden schon lange unter den Füßen brannte, sprang dann in seinem wolfsähnlichen langen Galop zurück, den äußersten Vorposten so rasch als möglich zu besetzen, während unser Jagdherr selber sich noch weiter vorpirschte, um später mit Rainer die beschwerlichen Reißen hinan bis unter die Wand zu klettern. Waren die Gemsen noch darin, so mußten sie jetzt einem der Schützen kommen, denn die steile vielleicht mehre tausend Fuß hohe Carwendelwand konnten selbst diese Thiere nicht empor. Was nicht Flügel hatte kam da nicht hinüber.
Der hohe Herr stand senkrecht über mir, und als der Windzug einmal auf Momente die oberen Nebelschichten in Bewegung setzte, daß der düstere Schatten der nahen Wand wie eine drohende Gewitterwolke über uns stand, konnt' ich seine hohe dunkle Gestalt, nur eben wie fast in der Luft schwebend, erkennen. Tiefer im Thal stand ein jüngerer Anverwandter desselben, der schon einige Tage mit in den Bergen gejagt hatte, und neben ihm, seinen schottischen Plaid über der Schulter und seinen breiträndigen Hut auf, der ihm den Namen eines »falschen Spaniers« zugezogen, der Zeichner dieser Skizzen.
Ich hatte mich in einen Laatschenbusch gedrückt, und Platz genug zum Schießen – wenn eben nur etwas kam – auch heute zwei Büchsen neben mir, da die Erinnerung an das gestrige Rudel den Verdacht in mir hatte aufsteigen lassen, daß mir heute etwas Aehnliches wiederfahren würde. Der Mensch giebt sich manchmal solchen angenehmen Träumen hin.
Ein paar Mal schwankte der Nebel, und es schien fast als ob er sich zerstreuen wolle – das wäre für die Jagd prächtig gewesen. Jedenfalls hatte sich der Wind gedreht, und kam jetzt mehr von Norden als heut Morgen – aber der Nebel wich und wankte nicht. Da fing es plötzlich über mir an in den Steinen zu donnern und zu prasseln, daß ich glaubte, der ganze Berg käme herunter. Piff – paff, gingen dabei oben die Schüsse rechts und links – eine Kugel konnte ich auf die Steine aufschlagen hören – und ein ganzes Rudel mußte dort irgend wo aufgestanden und nach allen Richtungen gleich hin flüchtig geworden sein.