Wie als ob Jemand auf dünnem Eise geht, es plötzlich links und rechts um sich knackern hört, und nun in Todesangst, die Augen rasch hinüber und herüber wirft, von welcher Seite die Gefahr, der schlimmste Riß zuerst wohl kommen könne, so hing ich in der Laatsche. Nebel daß man keine dreißig Schritt weit sehen konnte, und jetzt rings um das tolle Poltern, ja sogar soweit das Auge nach rechts und links schauen konnte, niederspringende Steine – es war ein Augenblick der peinlichsten Spannung und Erwartung, einer der wenigen Momente im Leben, in denen man auf jeder Schulter und besonders auf dem Rücken noch ein Gesicht mit ein paar Augen haben möchte, und sich fast den Kopf in den vollkommen nutzlosen Versuchen abdreht, überall hin, zu gleicher Zeit zu schauen.
Schüsse jetzt nach allen Richtungen – Schreckschüsse wie sich später auswies, die Gemsen die oben durchbrechen wollten zurückzubringen und springende Steine von allen Seiten her. – Wie Rettung aus dieser Noth, brachen da plötzlich drei dunkle Schatten quer vor mir hinüber. Wenn ich aber auch ziemlich deutlich sah daß es Gemsen waren durfte ich doch nach der Richtung hin nicht schießen, da leicht schon ein Treiber hier herüber gekommen sein konnte, und die Kugeln auf den eckigen Steinen oft nach ganz verkehrten Richtungen abprallen. Ehe ich aber auch nur hätte anlegen können, waren sie von einer Schlucht oder vom Nebel verschlungen, und ich hörte nur noch, wie sie bergab und der Richtung zusprangen, in der Prinz C. stand.
Paff! knallte ein Schuß, kurz und trocken von dort herüber, und es fiel mir jetzt auf, was ich schon bei den früheren Schüssen bemerkt hatte, wie wenig Schall sie nämlich in solchem Nebel haben. Bei klarem Wetter hätte die rauhe mächtige Wand das Echo sicherlich mit donnerndem Getös hinab in's Thal geworfen.
Aber ich brauchte meine fünf Sinne jetzt zu etwas Anderem, als naturhistorischen Studien. Links von mir hatte ich einen, nur mit Alpenrosenbüschen bewachsenen Hügelhang, den ich eben, als der Nebel vom Wind darüber hingejagt wurde, erkennen konnte. Dorthin hörte ich auch Getrappel und entdeckte gleich nach dem Schuß ziemlich deutlich die dunklen Gestalten zweier Gemsen – so groß dem Anschein nach wie Kälber –, die am Hügelhang flüchtig aufwärts gingen. Das mußten jedenfalls Böcke sein, und das war die letzte Gelegenheit für mich. Wenn sie mir auch in den dichten Nebelschichten ein paar Mal unter den Augen weg verschwanden, schickte ich ihnen doch, sobald sie wieder sichtbar wurden, rasch hintereinander drei Kugeln nach.
Nach jedem Schuß – und das Einschlagen der Kugeln mußten sie an dem steilen Hang hören – blieben sie allerdings einen Moment wie erstaunt stehn, setzten aber auch dann eben so ungenirt ihre Flucht fort, bis mir Hügelhang und Gemsen und Nebel vor den Augen zu einer grauen unbestimmten Masse zusammenschmolz.
Bei der Nachsuche später fanden wir übrigens keinen Tropfen Schweiß, und ein älterer erfahrener Schütze der mit unten gestanden und das Wild weit näher gehabt als ich, aber nicht geschossen hatte, weil er behauptete es sei eine Geis und Kitz gewesen, versicherte: die alte Geis wäre nach jedem Schuß stehen geblieben, hätte sich nach dem Kleinen umgesehn und zu ihm gesagt, »komm nur mit, mein Kindchen, du hast gar Nichts zu fürchten.«
Unser Jagdherr hatte in dem nichtswürdigen Nebel ebenfalls vorbeigeschossen oder doch eine Gemse nur gestreift; die Nachsuche am nächsten Tag ergab trotz hie und da gefundenem Schweiß kein Resultat.
Glücklicher dagegen war mein junger Nachbar gewesen, und als wir hinunter kamen, fanden wir Michel emsig damit beschäftigt einen prachtvollen Bock, der in voller Flucht den Berg hinunter gekommen und im Feuer zusammengebrochen war, zu zerwirken.
Merkwürdig ist, wie sehr man sich bei solchem Nebel in den Formen und Umrissen, besonders flüchtig gehenden Wildes täuscht, während die stete Aufregung, Gemsen überall, vielleicht in Schußnähe, um sich zu wissen und zu hören, und doch Nichts sehn zu können, dem Schützen auch die letzte Ruhe nimmt. Ich wenigstens, obgleich sonst auf der Jagd gar nicht so übermäßig hitzig, befand mich bei diesem Nebeltreiben in einer ganz unbeschreiblichen Aufregung – ein Anderer soll ruhig dabei bleiben.