Die Jagd! Die frohe herrliche Jagd! oh wie viel könnt' ich dem Leser noch davon erzählen, müßt' ich nicht fürchten ihn zuletzt zu ermüden. Es ist ein Unterschied das mit durchzuleben, oder es nur erzählen zu hören, obgleich der, der selber Jäger ist, sich wohl leicht und gern in das herrliche Leben solcher Berglust mit hineindenkt, und selbst der Laie für kurze Zeit Theil daran nimmt. Lieber Gott, die Poesie liegt uns, in der altbackenen Wirklichkeit unseres Daseins, meist so fern, daß man eigentlich froh sein sollte noch einen Platz in gar nicht so weiter Ferne zu wissen, in dem sie in all ihren Reizen prangt und thront. Wenige Herzen sind es ja außerdem, die den Sinn, die das Gemüth und den freien männlichen Muth haben sie dort festzuhalten.
Wie eine Schnur kostbarer Perlen reiht sich da ein Tag an den anderen, keiner dem vorigen ähnlich, alle wieder neue Abenteuer, neue Scenen, neue Erfahrungen bringend, und alle gleich werthvoll, gleich schön in der Erinnerung. Heute ein Treiben in wild zerrissener und zerklüfteter Klamm, während der Sturm durch die Berge heult, und wie Kanonendonner durch die Schluchten saust, die Laatschen wie ein grünes Meer durchwogt und schwere Steine von den Wänden reißt – Morgen ein stiller Pirschgang in früher Morgenstunde über die Joche hin und durch die Gräben nieder, und gerad' Beschwerden und Gefahr genug dem wahren Manne das Herz mit Lust und Wonne bis zum Rand zu füllen.
Auch daß die Jagd nicht alle Tage glückt, verleiht ihr einen weit höheren Reiz, als wenn man eben nur hinauszugehen brauchte das Wild todt zu schießen. Es ist wirkliche Jagd, und hat deshalb auch gar keine Aehnlichkeit mit den Hasenschlächtereien des flachen Landes. Was man erlegt, hat man sich wahrlich sauer und schwer genug verdient. Wenn man dann auch drei oder vier Tage umsonst die schwersten Touren gemacht, bringt der Erfolg des fünften hundertfachen Lohn.
So verfliegt der Tag draußen in den Bergen, daß man oft gar nicht weiß wo er hingekommen, und der Abend am lodernden Kamin vergeht nicht schneller fast. Müde wird der Körper ja überhaupt nicht in dieser reinen Luft, selbst nach Anstrengungen, die im flachen Land den stärksten Mann zum Tod erschöpfen würden. Die Zeit dann zwischen Jagd und Jagd ist deshalb nicht Erholung, sondern wieder nur ein Vergnügen anderer Art. Man hat eben nicht zu jagen aufgehört weil man müde – sondern einfach weil es dunkel wurde, und beginnt frisch, wie am vorigen Morgen, sobald die Sonne sich im Osten zeigt – bis der Schnee kommt.
Der Schnee ist des Gemsjägers Feind, und so erfreulich ein Neues im flachen Lande sein mag, Wild zu bestätigen, und den Wald nach Raubzeug abzuspüren, so derb und mächtig tritt er dort in den Bergen gewöhnlich auf, wenn er erst einmal beginnt.
Oft geschieht es allerdings, daß es oben auf den Jochen in der Nacht einen Fuß Schnee herunterwirft, und um Mittag herum die Sonne, von dem warmen Boden begünstigt, auch das Letzte an der Südseite der Hänge wieder aufgesogen hat. Er liegt dann auch weit lockerer dort wie im flachen Land. Das geht aber ein- oder zweimal so – nachher wird's Ernst, und hat er sich erst einmal ordentlich da festgesetzt, dann ist's auch in den Alpen mit der Jagd vorbei, – wenigstens mit der Treibjagd. Ja selbst der Pirschende wäre gezwungen alle gefährlichen und selbst nur steilen Plätze zu vermeiden, und hätte sich noch außerdem vor Lawinen und Schneestürzen arg zu wahren.
Die Gemsen sollen sich bei heftig eintretendem Schneewetter in den Wald hinunterziehn. Sobald es aber aufgehört hat zu schneien, gehen sie wieder auf die Höhen, und wo die Lawine den Schnee in's Thal hinunter reißt, öffnen sich für sie nicht allein vollkommen sichere, sondern auch treffliche, von der hemmenden Decke freie Aesungsplätze.
Daß Gemsen von Lawinen erfaßt und begraben werden geschieht außerordentlich selten. Die klugen Thiere kennen schon die gefährlichen Plätze wie die gefährlichen Zeiten, und meiden sie sorgfältig. Weit eher wird ein Stück Wild von diesen »Schrecken der Berge« überrascht, wie denn auch das Roth- und besonders das Rehwild, weit eher dem schweren Schnee erliegt.