Es giebt in unseren Naturgeschichten einige althergebrachte Anekdoten von Menschen und Thieren die einmal »gang und gäbe« sind und die Einer dem Anderen so unbefangen nacherzählt, als ob es sich nur um allgemein anerkannte Thatsachen handelte. So versteht es sich von selbst daß der Löwe ein höchst großmüthiges uneigennütziges Thier sei, der Rinaldo Rinaldini unter den Bestien, der eine bestimmte Aversion gegen den Blick des Menschen habe, und demselben unter keinen Umständen begegnen könne. Bei der Klapperschlange heißt es, daß sie mit ihrem Blick allein Vögel anlocke, banne und – verschlinge. Ein Gemsjäger ferner ist, für die Jugend wenigstens, untrennbar von dem Bilde eines Menschen der, mit einem sehr spitzen Hut, auf einer sehr steilen Eiszinke steht und sich die Fußsohle aufschneidet. Ich selber kann mich auch noch recht gut aus meiner Jugendzeit erinnern, daß ich das Fußaufschneiden als vollkommen identisch mit der Gemsjagd hielt, und so natürlich und einleuchtend, wie das Anziehen von Ueberschuhen bei schmutzigem Wetter fand. Wie hätten sie anders an solchen Eiszacken herumklettern wollen. Kommt man dann aber später in das wirkliche Leben und auf den Schauplatz solcher außerordentlichen Ankündigungen hinaus, so findet man nicht allein bei diesen, sondern auch bei noch vielen anderen, mit großer Entschiedenheit aufgestellten Behauptungen, daß sich irgend ein biederer Gelehrter daheim im warmen Studirzimmer bei einer Pfeife Tabak und mit Hülfe einer unbestimmten Anzahl von Folianten derlei Schlüsse excerpirt und combinirt, und mit großem Selbstvertrauen in die Welt hinausgestreut hat. Natürlich glaubt er das am Ende selber was er geschrieben, und darf das Nämliche nun auch von Anderen verlangen.

Wenn die Klapperschlangen aber nur davon leben sollten was sie mit den Augen fangen, würde es bald keine mehr geben, und wenn sich der Gemsenjäger dadurch forthelfen sollte daß er sich des einzigen Mittels dazu durch einen Riß in die Sohlen beraubte – seiner gesunden Füße – so hätten die Gemsen wahrlich gute Zeit.

Nichtsdestoweniger ist das Steigen in den Bergen doch eine keineswegs so leichte Sache, und wenn der noch nicht recht darin Geübte auch gerade nicht an solche Stellen hinzugehen braucht, die selbst den alten Steigern »schiech« vorkommen, findet er doch Gelegenheit genug zu versuchen ob er schwindlig ist und einen festen Schritt hat.

Die Jagd selber bietet dabei noch nicht das Schlimmste, denn dort kann sich der Schütze und selbst der Treiber doch immer noch den gangbar scheinenden Weg aussuchen und die schlimmsten Stellen vermeiden. Auf der Nachsuche dagegen, um ein angeschossenes Gemsthier, führt dieses selber den Jäger, der ihm auf dem Schweiß folgen muß, und daß sich die kranke Gems nicht die bequemsten Wechsel aussucht läßt sich denken. Die Nachsuche ist jedenfalls der wildeste und gefährlichste Theil der ganzen Gemsenjagd, und eine recht hübsche Probe habe ich wenigstens davon bekommen. Am Heimjoch hatte ich eine Gemse, die flüchtig auf dem Pirschgang vor mir in die Laatschen sprang, angeschossen, und Rainer war ihr schon an dem Abend soweit auf dem Schweiß gefolgt, bis er eben nicht weiter nach konnte. Die Nacht regnete es was vom Himmel herunter wollte, und um das angeschossene Wild nicht zu verlieren, ging ich am nächsten Morgen mit ihm, Wastel und zwei Hunden aus, dort wo er gestern die Spur verlassen, heute »verloren« nachzusuchen.

Da dem Platz, wie Rainer versicherte, von oben nicht gut beizukommen war, versuchten wir es von unten, die Klamm aufwärts, und mit Steigeisen an den Füßen, jetzt an steilen Klüften hinauf, wo wir den Hunden nachhelfen mußten, jetzt durch die nassen Laatschen kriechend, über glattes Gestein und bröckelige Reißen, an Abgründen und Felsspalten hin, erreichten wir endlich die Stelle wo der Jäger vermuthete, daß sie sich eingestellt haben möchte. Wastel war ein Stück zurück geblieben, in ein paar andere Felsspalten hinein zu schauen, ob sie dort nicht vielleicht verendet läge, als plötzlich die Hunde dicht vor mir laut wurden. Und sie hatten Ursach dazu, denn aus den Laatschen heraus, durch die steile Schlucht vor, an deren Wänden wir hingen sprang plötzlich die angeschossene Gems, machte ein paar Sätze und stellte sich dann kaum zehn Schritt von mir entfernt auf eine kleine spitze Felskuppe.

Jetzt kam ein Moment den der Amerikaner sehr treffend mit dem Sprichwort bezeichnet »den Teufel zu bezahlen und kein Pech heiß.« Das Schloß der Büchse hatte ich, die Nässe davon abzuhalten, mit dem Taschentuch umwunden, und an einer Stelle wo ich mich nicht einmal umdrehen konnte, während ich mit dem linken Arm um einen Laatschenzweig hing, war ich nicht im Stande den verwünschten Knoten der nassen Seide aufzubekommen. Lang' hielt sich die Gemse aber auch nicht auf, die Hunde waren ihr zu dicht auf den Fersen, und nur einen halberstaunten, halberschrockenen Blick auf uns werfend sprang sie, von den Hunden verfolgt und augenscheinlich krank den Hang hinunter. Bergmann besonders, der kleine Teckel, warf sich mit wahrer Todesverachtung, und ganz auch seine kurzen krummen Beinchen vergessend, hinter drein. Ein Stück Wegs sah ich ihn auch wirklich auf dem Rücken, die Beinchen in der Luft, hinabrutschen; aber er kam richtig wieder auf die Füße, und es dauerte gar nicht lange so hatten sie unten die kranke Gemse gestellt, die der herbeigeeilte Wastel todt schoß.

Rainer hatte seine innige Freude daß die angeschossene Gems gefunden worden – die Leute setzen einen Stolz darein Alles wobei sie betheiligt sind mit Erfolg gekrönt zu sehn.

»Ich wußte daß wir ihn heut' bekommen würden,« rief er, als der Schuß von unten herauf, und das plötzliche Schweigen der Hunde den Tod der Beute kündete – »wie ich nur den Schweiß gestern observirte wußt' ich es. Was aber der Bursch noch springen konnte. Er setzte mit wahrer Tolleranz die Wand hinunter.«

Außerdem entwickelte er bei dieser Gelegenheit auch noch eine, auf praktische Erfahrung gegründete Theorie der Bergschuh, insofern sie auf Lannen und Felsen verschiedene Eigenschaften besitzen müssen. Er hielt nämlich die Schuh für gefährlich, die außer den Randnägeln auch noch eiserne Nägel in der Mitte hätten. »Auf den steilen Lannen und Grasboden,« sagte er dabei, »schadet das Nichts, da ist Eisen die Hauptsache, aber wenn man auf Steine kommt, dann ist es auch nöthig daß man Leder unter dem Schuh zu fühlen bekommt. Das Eisen rutscht auf den Steinen eher ab, aber das Leder ist mehr »elektrisch« – das hält!«