»Noch nicht, mein Herz,« rief Handor, der wohl auch erschreckt emporhorchte, sich aber doch nicht denken konnte, daß der weit in den Büschen drin abgefeuerte Schuß ihm gegolten habe. – »Flieh' – das ist etwas Anderes – Du giebst mir Nachricht, wann ich Dich wiedersehen kann; fort – dort hinüber in den Busch – wir dürfen nicht zusammen gesehen werden – ich selber schleiche mich indessen auf dem Weg zurück, den ich gekommen bin.«

Ehe Paula etwas darauf erwidern oder nur einen Schritt vorwärts thun konnte, brachen und prasselten rechts von ihnen die Büsche – aber nur eine dunkle Gestalt ließ sich erkennen, die dort hindurchsetzte. Handor, der schon wieder so weit am Rand der Dickung stand, daß er wenigstens hindurchsehen konnte, drehte erschreckt den Kopf der Richtung zu – aber von da hatten sie nichts zu fürchten. Der Bursche, welcher selber auf der Flucht schien, war mit einem Satz oben auf der Mauer und schien da einen Moment zu zögern – aber es war auch nur ein Moment, denn im nächsten schon verschwand er in den dichten Zweigen eines dort stehenden jungen Baumes und hinter der Mauer, während der Wipfel des Stammes, an dem er niederglitt, deutlich im Mondlicht schwankte und zitterte.

»Jetzt fort,« flüsterte Handor, der natürlich glaubte, daß eine Verfolgung des Entflohenen nur dort stattfinden könne, wo er ihn zuletzt gesehen; »rasch hier gerad' aus durch die niederen Büsche zum Schloß, ich halte mich links – fürchte nichts, mein süßes Leben!« – Und noch einen flüchtigen Kuß auf ihre Lippen drückend, schob er sie freundlich drängend über den Kiesweg hinüber, während er selber, wie er sie nur von dem dunkeln Schatten der Büsche gedeckt sah, rasch den Kiesweg hinabschritt, um denen aus dem Weg zu kommen, die dem Entflohenen etwa folgen könnten.

Das aber war gefehlt. Hier lief er gerade dem dicht an den Buschrand heranspringenden alten Förster in den Weg, der plötzlich, wie ein Tiger auf seine Beute, auf ihn zustürzte, dicht vor ihm sein Gewehr an die Backe riß und mit lauter, donnernder Stimme schrie:

»Halt, Canaille! Jetzt hab' ich Dich verdammten Fasanendieb, nur einen Schritt und ich pfeffere Dir die Beine, daß Du in sechs Wochen keinen Schritt thun kannst!«

»Um Gottes willen, schießen Sie nicht, lieber Freund!« rief Handor, der allerdings im ersten Augenblick erschrak, seine Geistesgegenwart aber keinen Moment verlor. Er mußte den Mann auch hier aufhalten, desto sicherer konnte Paula das Schloß wieder erreichen.

»Wenn Du stehen bleibst, nein,« rief der alte Mann, der jetzt ganz bestimmt glaubte, den Fasanendieb erwischt zu haben; »aber bei der geringsten Bewegung, Gott verdamm' mich, ich spaße nicht! Heh, hallo!« schrie er dann, so laut er nur schreien konnte, denn sie mußten ihn von hier aus – wo im Sommer im Schloß alle Fenster offen standen – hören können. »Hierher! holla, holla!«

»Und wären Sie vielleicht so gut, mir zu sagen, weshalb Sie mich hier festhalten und einen so greulichen Spectakel machen?« fragte Handor ruhig.

»Heh, hallo! Hui, heh!« schrie aber der Alte, ohne ihn auch nur einer Antwort zu würdigen, und vom Schloß aus antworteten jetzt einzelne Stimmen. Die Leute waren dort schon durch den ungewohnten Schuß und den ersten Ruf aufmerksam geworden und traten vor die Thür.

Paula hatte indessen die vordere Terrasse erreicht und wollte eben darüber hin in ihr Zimmer flüchten, als sie oben ihren Bruder an seinem Fenster bemerkte, während unten in der Gartenthür der Koch mit seiner weißen Schürze und Mütze und einer der Bedienten standen. Es blieb ihr deshalb nichts übrig, als bis zu einem der kleinen Balkons zu gleiten, die, von eisernen Gittern umgeben, der Aussicht wegen hier gebaut waren. Blieb sie aber länger hier, so mußte sie entdeckt werden, wenn man sie nicht überhaupt schon in ihrem Zimmer gesucht hatte. Das Beste, was sie thun konnte, war, daß sie sich selber zeigte.