Rottack sah sinnend vor sich nieder. So plötzlich bot sich da eine ja lange ersehnte Gelegenheit, in freundlichere und nähere Beziehung zu der sonst so schwer zugänglichen Monford'schen Familie zu treten – und Helene?

»So schicken Sie uns nur vorher wenigstens das Stück,« sagte er endlich lächelnd, »und bezeichnen Sie darin die uns zugedachten Rollen; wir wollen dann augenblicklich Kriegsrath mit einander halten, meine Frau und ich, und Sie keinesfalls lange in Ungewißheit lassen. Ist die Ausführung möglich, so sage ich, wenigstens für meine Person, zu.«

»Liebster, bester Graf, wie soll ich Ihnen danken?« rief George fröhlich. »Und Ihre Frau Gemahlin? – Aber ich will jetzt nicht drängen,« unterbrach er sich rasch, »und Ihnen vielleicht ein Versprechen abpressen, das Ihnen später unangenehm sein könnte. Nehmen Sie aber die Versicherung, daß Sie uns Allen eine große Freude damit machen würden, und besonders Paula, deren Herz Sie wahrhaft im Sturm erobert haben müssen, Frau Gräfin, denn sie konnte gestern gar nicht aufhören, von Ihnen zu reden.«

»Dann ist unser Gefühl ein vollständig gegenseitiges gewesen, Herr Graf,« lächelte Helene, »denn ich kann Ihnen versichern, daß auch ich Ihre Schwester bei dem ersten Begegnen herzlich lieb gewonnen habe, und mich also doppelt freue, das zu hören.«

»Wie gut Sie sind!« rief George. »Ist es aber nicht merkwürdig, daß sich Menschen oft so rasch zu einander hingezogen fühlen und, ohne mehr als ein paar gleichgültige Worte zu sprechen, mit einander Freundschaft schließen, während wir uns von Anderen, ohne daß sie uns je das Geringste zu Leide gethan, wieder eben so rasch und unerklärlich abgestoßen fühlen?«

»Es ist das eine Freimaurerei des Geistes,« lächelte Felix, »die sich an geheimen, oft unbewußten Zeichen versteht und erkennt, und sie übt, im Guten wie im Bösen, ihre Macht. Gute Menschen finden sich nicht rascher unter einander, wie ein paar richtige Gauner, die oft schon nach einem kaum flüchtig gewechselten Blick einander verstehen und Freundschaft, wenigstens Kameradschaft schließen.«

»Ich selber gebe außerordentlich viel auf den ersten Eindruck, den ein Fremder auf mich macht,« sagte George.

»Ich Alles,« rief Felix, »und kann wohl sagen, daß ich mich selten oder nie getäuscht. Ließ ich mich aber durch irgend welche Zufälligkeit bestimmen, von diesem ersten Eindruck abzusehen, dann durfte ich auch fest darauf rechnen, daß ich dafür büßen mußte.«

»Und sollte dieser Glaube an den ersten Eindruck, den ein Fremder auf uns macht, nicht oftmals auch die Ursache einer großen Ungerechtigkeit gegen ihn sein?« sagte Helene. »Was kann ein Mensch zum Beispiel für ein unschönes Gesicht, das uns doch nie gefallen wird, während er vielleicht das beste Herz darunter birgt?«

»Ein schönes Gesicht ist allerdings eine große Empfehlung im Leben,« sagte George, »und wer es erhalten, kann Gott nicht genug dankbar dafür sein; ein häßliches muß man eben hinnehmen, wie man Krankheit oder ein sonstiges Unglück hinnimmt.«