Am Markt, zwischen der Drachen-Apotheke und einem andern, sehr anständigen und hohen Gebäude, das einem Seidenhändler gehörte, stand ein schmales, vierstöckiges Haus mit nur zwei Fenstern Front und machte auf den Beschauer etwa den Eindruck, als ob sich ein Mensch mit angezogenen Armen in ein Uhrgehäuse geklemmt hätte und sich nicht regen und nicht rühren könne.
Dort residirte in der zweiten Etage Doctor Feodor Strohwisch, Dichter und Schriftsteller, oder vielmehr Privatgelehrter, wie er in dem Adreßbuch angegeben stand, der aber auch ein kleines Tageblatt redigirte und darin die Geißel über das Theater schwang. Und nicht über das Theater allein; Alles, was vorkam, jedes Fach, jede Kunst fand in ihm ihren unerbittlichen – oder eigentlich nicht ganz unerbittlichen Kritiker, denn es gab Mittel, ihn zu erweichen, und mit einer solch' liebenswürdigen Unverschämtheit drosch er auf Alles los, was sich unabhängig genug glaubte, ihn zu ignoriren, daß die Masse, welche selten ein eigenes Urtheil für sich selber hat, seine Kritiken endlich für baare Münze hinnahm und auch noch nebenbei seine Gelehrsamkeit bewunderte.
Von den Mitgliedern des Theaters, wenigstens von dem größten Theile derselben, war er gehaßt und gefürchtet zugleich, denn gegen sein Blatt gab es keine Appellation, da er ihm unbequeme Artikel nie aufnahm. Äußerlich behandelten ihn aber fast Alle sehr artig, und die boshaftesten Urtheile ließ man ruhig über sich ergehen, weil man nur dadurch noch boshafteren ausweichen konnte.
Strohwisch durfte in der That Alles sagen und sagte Alles, und im Laufe der Jahre hatte er sich eine Sicherheit und Unfehlbarkeit angeeignet, die wirklich nichts zu wünschen übrig ließ.
In seinem Zimmer sah es sehr gelehrt und sehr unordentlich aus. Ein großer Mahagoni-Schreibtisch, der seine eigene unquittirte Rechnung in dem einen Gefach sorgfältig versteckt hielt, als ob er sich selber darüber schäme, stand in der einen Ecke, unmittelbar am Fenster. Vier oder fünf Bücherregale mit einer neueren und viel benutzten Ausgabe des Brockhaus'schen Conversations-Lexikons füllten die eine Wand, ein sehr elegantes, aber etwas beschmutztes Sopha, mit einem Spiegel in Goldrahmen darüber, die andere.
Auf dem Sopha lagen vier oder fünf gestickte Rückenkissen, eine gestickte Cigarrentasche aber geöffnet auf dem Tisch; unter dem Spiegel befand sich ein sinniger Neujahrswunsch aus Menschenhaaren geflochten, und den Tisch bedeckte eine weiße gehäkelte Decke mit hellblauen Vergißmeinnicht darin; kurz, die Spuren weiblicher Arbeit waren überall, auf Fußbank, Briefhalter, Papierkorb, Briefbeschwerer u. s. w. anzutreffen.
Über dem Schreibtisch aber hingen zwei Lorbeerkränze, der eine mit hellblauem, der andere mit rosaseidenem Bande, und einem Spruch von zierlicher Frauenhand geschrieben, den man aber von unten aus auf dem überhaupt auch etwas rauchgeschwärzten Papier nicht lesen konnte.
An der Wand befanden sich ein paar an die äußerste Grenze des Schicklichen streifende französische Kupferstiche von badenden und nach dem Bade tanzenden Nymphen, und rechts und links vom Spiegel zwei ebenfalls französische Studienköpfe, bis an den untern Rand des Rahmens decolletirt.
Sämmtliche Stühle waren übrigens mit neuen, unaufgeschnittenen, in gelbem, grauem, grünem, blauem und rothem Papier broschirten Büchern bedeckt, und selbst auf dem Boden lag noch eine Anzahl von ihnen zwischen Cigarrenstummeln, Papierstreifen und zerschnittenen Zeitungen.