Nein, er selber mußte sich erst wieder eine Stellung im Leben erringen, mußte selbstständig dastehen, und dann – wenn das Loos auch noch so bescheiden war, das er der Geliebten bieten konnte –, dann erst durfte er ihr wieder frei und offen nahen und seine Werbung erneuern. Jetzt war sie für ihn verloren, unerreichbar verloren.
Und wem verdankte er dies Alles? Wem anders, als diesem ungebildeten, aufgeblasenen Gecken, diesem Handor, der sich nur hier an der Bühne hielt, weil sich das Publikum einmal an ihn gewöhnt hatte und das Frauenvolk in seine hübsche Larve vernarrt war. Hatte er es denn nicht in den letzten zwei Jahren schon an mehreren anderen Bühnen versucht, um ein besseres Engagement zu erlangen, und war er nicht immer mit Schimpf und Schande hierher, als letztem und einzigem Zufluchtsort, zurückgekehrt? Aber Rache wollte er wenigstens an ihm nehmen. Die Vorstellung des »Hamlet« mußten sie noch vorüber lassen, das sah er selber ein, die durfte nicht gestört werden, aber dann konnte er ihm auch nicht die verlangte Genugthuung weigern, er durfte es nicht – und nachher? Bah, was lag daran – sein Leben war ja doch verfehlt, sein Lebensglück vernichtet und zerstört, was lag daran, was aus ihm wurde – ob er jetzt ganz verdarb und unterging!
Sein Leben verfehlt? Oh, er hätte bittere Thränen weinen mögen, wenn er daran dachte, mit welcher Liebe und Leidenschaft er Alles hinter sich geworfen, was andere Menschen für ihn aufgebaut, nur um sich ganz und ausschließlich der Kunst in die Arme zu werfen!
Hatte denn die blinde, urtheilslose Menge Recht, wenn sie auch das nur einen »Broderwerb« nannte? Gab es denn wirklich kein höheres, ideales Ziel dabei, und war auch das Gefühl, das er in seinem eigenen Herzen für einen Funken himmlischen Feuers gehalten, der ihn entzückte und begeisterte, nichts als Lüge, nichts als eine Täuschung seiner selbst, ein mattes, wärmeloses Irrlicht gewesen, das nur allein dazu gedient, um ihn vom rechten Wege abzulenken?
Das war der bitterste Gedanke, der ihn quälte – alles Andere hätte er leicht und gern ertragen, Mangel, Sorgen, Zurücksetzung – lieber Gott, sie gehörten dazu und jedes Talent hatte sich durch sie hin die Bahn zu Licht und Freiheit öffnen, und oft erzwingen müssen – aber besaß er wirklich das Talent? Hatte Handor Recht, der ihm erst gestern wieder mit kalten, höhnischen Worten gesagt, daß er es nie weiter als bis zum Stühletragen auf den Brettern bringen würde? Oder war es nur Bosheit, nichtswürdige, tückische Bosheit von ihm gewesen? Er selber fühlte die Begeisterung, fühlte die Kraft in sich, das Schwerste zu unternehmen und zu überwinden – aber besaß er sie auch, und würde ihn der Director, der, wie er recht gut wußte, sich die größte Mühe gab, junge und tüchtige Kräfte heranzuziehen, so leicht entlassen haben, wenn er selber auch nur eine Spur davon in ihm entdeckt?
Oh, diese Zweifel an sich selbst, wie sie ihn peinigten und seinen sonst so frischen Muth niederdrückten! Und Keiner, Keiner war da, der ihn aufgerichtet hätte nur mit einem einzigen Wort des Trostes; keinen Freund hatte er, in dessen Brust er sein warmes Herz nur ein einziges Mal hätte ausschütten dürfen! Wo sollte er ihn auch finden? – Ihre Gelage feierte er nicht mit, Wirthshäuser zu besuchen, Bier- oder Weinstuben, verstatteten ihm seine dürftigen Mittel nicht; sein Mittagessen verzehrte er in einem ganz abgelegenen, obscuren Local, wo eine verhältnismäßig gute Kost zu einem mäßigen Preis verabreicht wurde. Er selber besuchte Niemanden, aus Furcht, Jemandem zur Last zu fallen – und wer sollte ihn besuchen in seiner dürftigen Bodenkammer? Er stand allein, ganz allein in der Welt, und das einzige Wesen, das ihn nicht verachtete und auf ihn herabsah, das einzige Wesen, was ihm in Liebe und Treue ergeben war und ihn so glücklich, so selig hätte machen können, das mußte er meiden, durfte ihm nicht wieder nahen, und fühlte selber, wie sich unübersteigliche Schranken zwischen ihnen aufgethürmt.
Mit untergeschlagenen Armen und zusammengezogenen Brauen ging er raschen Schrittes in seinem kleinen Gemache auf und ab, als es heftig an die Thür klopfte. Ehe er aber nur Herein! rufen konnte, öffnete sich diese schon, und das spitze, rothe Gesicht des Souffleur Mauser erschien mit einem laut herausgeschrieenen »Guten Morgen, Herr Rebe!« auf der Schwelle.
»Guten Morgen, Herr Mauser,« sagte Rebe, »und was bringen Sie mir?«
»Bringen?« lachte der Eintretende, indem er die Thür hinter sich zuzog und es auch nicht der Mühe werth hielt, seine Cigarre ausgehen zu lassen – »habe ich schon Jemandem etwas gebracht, ausgenommen zu Neujahr einen kleinen Repertoirschwindel? Fällt gar nicht vor, aber – ein paar Worte im Vertrauen wollte ich mit Ihnen reden, Herr Rebe, und deshalb bin ich hergekommen.«
»In der That?« sagte Rebe kopfschüttelnd – »aber dann bitte, setzen Sie sich – und was ist es, was Sie mir vertrauen wollen?«