Man konnte gerade nicht sagen, daß eine musterhafte Ordnung darin herrschte, denn hier war ein Buch, in dem der Eigenthümer vorher gelesen, auf dem Tisch umgeschlagen, dort im Fenster lagen einige Noten, und darunter stand ein kleiner Zithertisch mit der Zither darauf und den Stuhl schräg davor gerückt. Ein Zimmer sieht aber überhaupt nicht wohnlich aus, wenn es zu sorgfältig aufgeräumt und geordnet ist – man muß erkennen können, daß es von Jemandem benutzt wird, sonst macht es einen öden und unheimlichen Eindruck, mag es so einfach oder so prachtvoll möblirt sein, wie es will.

Und benutzt wurde es in der That, denn außer einem winzig kleinen Alcoven, der kaum ein Bett und einen gelb angestrichenen schmalen Kleiderschrank hielt und durch eine etwas zu kurze Kattungardine von der Stube getrennt wurde, war es die einzige Räumlichkeit, welche Horatius Rebe besaß, und diese hatte er sich denn auch so freundlich hergestellt, wie es eben seine Mittel erlaubten.

Über dem Sopha hing eine ziemlich gute Lithographie von Schiller im weißen, offenen Hemdkragen; über dem Arbeitstisch eine andere von Bogumil Dawison mit dem kecken, herausfordernden, aber geistreichen Gesicht. Es waren die beiden einzigen Bilder, die er besaß, eine kleine Photographie seiner verstorbenen Mutter ausgenommen, die über seinem Bett ihren Platz gefunden.

Aber trotzdem hatte der Raum doch noch eine andere Ausschmückung erhalten, denn unter Schiller's Bild kreuzten sich ein Paar Schläger, durch ein altes, vielgetragenes Band der Burschenschaft, der er früher angehört, mit einander verbunden, während unter denselben die alte, dreifarbige Studentenmütze jetzt zugleich als Zeichen der Erinnerung und – als Uhrhalter diente.

Aber in dem Fenster standen Blumen, eine prachtvolle Monatsrose, zwei Resedastöckchen und zwei Heliotropen, und unter Dawison's Bild war ein kleines Sträußchen von künstlich gemachten, aber täuschend nachgeahmten Vergißmeinnicht, Veilchen und Maiblümchen befestigt.

Das war der ganze Zierrath, wenn wir die dürftige Bibliothek ausnehmen, die aber nur aus kaum zwanzig Bänden bestand. Da war ein Band mit Byron's Werken in der Original-Ausgabe, die Dramen von Schiller, Lessing und Göthe, und Heine's, Freiligrath's und Rückert's Gedichte, und ein dicker Band, der Shakespeare's gesammelte Werke ebenfalls im Urtext enthielt, lag, den »Hamlet« aufgeschlagen, auf dem Tisch.

Rebe hatte augenscheinlich darin gelesen, aber selbst diese Lectüre konnte ihn nicht fesseln; andere Gedanken gingen ihm im Kopf herum, und überhaupt sah er heute bleich und angegriffen aus, als ob er eine schlaflose Nacht gehabt oder vielleicht gar durchgeschwärmt hätte.

Aber, lieber Gott, schwärmen – wovon? Seine kleine Gage hielt ihn eben am Leben in der theuern Stadt – selbst den Genuß einer Cigarre mußte er sich versagen, wenn er sich nicht in Schulden stecken wollte; ein Glas Bier Mittags gehörte zu seinen Extravaganzen – nein, eine schwere Lebenssorge lag auf seinem Herzen.

Der Souffleur, welcher es von seiner Zimmernachbarin, dem Fräulein Bassini, erfahren, hatte ihm allerdings unter dem Siegel der Verschwiegenheit – mitgetheilt, daß Fräulein Bassini's Schwager, Henriettens Vater, als reicher Onkel von Amerika zurückgekommen wäre, aber an dem nämlichen Tag war ihm selbst seine kleine, untergeordnete Stellung an der hiesigen Bühne gekündigt worden, und er besaß nicht einmal Geld genug, um auf Reisen zu gehen und sich ein neues Engagement zu suchen, viel weniger eine Zeit lang zu zehren, wenn er nicht gleich an einer andern Bühne placirt werden konnte. Und wo durfte er das jetzt im Sommer hoffen, wo die meisten Theater sogar geschlossen waren?

Und Henriette – durfte er jetzt wagen, ihr wieder zu nahen, wo er selber sogar brodlos geworden und ihr nichts, nichts auf der weiten Gotteswelt bieten konnte, als seine Liebe? Sie hätte ihn nicht verschmäht, das wußte er; aber durfte er ein solches Opfer annehmen? Nie. Er hätte seine Selbstachtung verloren für immer und keinem Menschen mehr offen in's Auge sehen können.