Wenn es trotzdem ein paar junge Damen möglich machten, noch unbefangen in ihrem Hefte nachzulesen, während ihr Stichwort schon gefallen war, und dann, als sie namentlich aufgerufen wurden, ganz erschreckt an einer natürlich verkehrten Stelle einzusetzen, so amüsirte das nur die kleine Gesellschaft, setzte die betreffenden jungen Damen in Verlegenheit und hatte weiter keine Folgen, als daß die Stelle, mit einem kleinen Stück voraus, noch einmal durchgenommen werden mußte.
Endlich war Alles glücklich zum Schluß geführt und die Gesellschaft hatte sich dabei mit dem aufgegebenen Stoff befreundet. Es war eins jener reizenden kleinen französischen Lustspiele, die, eigentlich ohne innern Gehalt, aber mit einem liebenswürdigen, piquanten Dialog und glücklich erdachten, überraschenden Situationen, nicht allein den Zuschauer fesseln, sondern auch gewöhnlich mit ganz besonderer Vorliebe von den Mitspielenden, die sich selber für ihre Rollen interessiren, ausgeführt werden.
Einzelne Equipagen fuhren schon wieder vor, als Graf Rottack, der einen Moment benutzte, wo er sich der Gräfin Monford, von Anderen ungehört, nahen konnte, zu ihr trat und mit halblauter Stimme sagte, während er dabei ein dort liegendes Album aufschlug, als ob er ihr die Kupferstiche zeigen wollte:
»Dürfte ich Sie ersuchen, Frau Gräfin, Ihren Wagen bis zuletzt warten zu lassen; es ist eine Sache von höchster Wichtigkeit, die ich Ihnen, aber nur Ihnen allein, mittheilen möchte.«
»Ein Geheimniß?« lächelte die Dame, aber mit einer Ruhe und Unbefangenheit, die den jungen Grafen wirklich erschreckte, denn zum ersten Mal zuckte ihm der Gedanke durch's Hirn: »Hast Du Dich vielleicht geirrt? Ist das am Ende gar nicht jene Gräfin Monford?« Diese Ruhe und Geistesgegenwart wäre ja, wenn seine Andeutung neulich auch nur mit dem leisesten Hauch verstanden worden, rein unmöglich, unbegreiflich gewesen! – »Und bezieht es sich auf unsere Vorstellung?« fuhr die Gräfin fort, als Rottack, ordentlich bestürzt, schwieg, indem sie sich zu dem Album niederbeugte und mit ihrer Lorgnette das Bild betrachtete.
»Nein, gnädige Gräfin,« sagte Felix, der in dem Augenblick selber seine Fassung kaum bewahren konnte, »und trotzdem ist es vielleicht wichtig genug, Ihre Aufmerksamkeit für einen Moment zu fesseln; ich bitte Sie dringend darum!«
»Eh bien!« lächelte die Gräfin, indem sie sich wieder aufrichtete; »ich weiß überhaupt nicht, ob mein Wagen so pünktlich vorfahren wird, da ich nicht glaubte, daß wir unsere Probe so rasch beenden würden – wahrlich, wir haben erst halb sieben Uhr.«
Ein paar Damen kamen jetzt auf sie zu, um sich bei ihr zu verabschieden; eine von diesen hatte ein paar Mal kleine Irrungen beim Vorlesen verursacht.
»Nun, mein liebe Constance, lernen Sie brav,« sagte die Gräfin, »daß Sie uns am nächsten Freitag nicht stecken bleiben – George würde unglücklich sein.«
»Gewiß, Frau Gräfin, ich werde recht fleißig lernen,« sagte das junge Mädchen tief erröthend, – »ich habe mich heute so geschämt.«