Felix warf den Blick der Richtung zu, nach der sich Helene gewandt; die Thür war verschlossen, und mit vor innerer Bewegung fast unhörbarer Stimme sagte er:
»Es ist in der That etwas Wichtiges, um das es sich hier handelt, Frau Gräfin, denn das Glück des mir theuersten Wesens auf der Welt, das Glück meiner Helene, hängt von dieser Stunde ab!«
»Und stehe ich damit in Verbindung?« sagte die Gräfin kalt und stolz, indem sie dabei fest seinem Blick begegnete.
»Ja,« sagte Felix leise, aber entschlossen, denn er fühlte, daß jetzt die Zeit zum Handeln gekommen sei und er jede andere Rücksicht bei Seite lassen müsse. »Bitte, nehmen Sie Platz, Frau Gräfin, hören Sie mich geduldig nur wenige Minuten, und dann – wenn Ihr eigenes Herz nicht jetzt schon für uns spricht – mögen Sie selber entscheiden, ob die Sache – wichtig genug war, Ihre Zeit in Anspruch zu nehmen.«
»So reden Sie,« sagte die Gräfin, indem sie auf dem ihr gebotenen Fauteuil Platz nahm.
»Erinnern Sie sich, Frau Gräfin,« begann der junge Mann, während es ihm schwer wurde, die ersten Worte hervorzubringen, »daß ich Ihnen neulich in Ihrem eigenen Schlosse sagte, Helene sei die Tochter der Gräfin Baulen, die sich in der Provinz Santa Clara in Brasilien damals aufhielt, vielleicht noch da lebt?«
»Ich glaube, ja...«
»Sie glauben, ja?« fuhr Felix fort, dessen Pulse jetzt rascher an zu schlagen fingen. »Und – ist Ihnen dann Helene weiter nichts, als die Tochter der Gräfin Baulen – oder jener Frau, die sich dort in ihrem albernen Stolze Gräfin nennt?«
Die Gräfin hatte ihm mit einem marmorkalten Antlitz zugehört; nicht ein Zug desselben zuckte oder verrieth, was in ihr vorging, keine Wimper regte sich. Felix kam es so vor, als ob ihre Wangen um einen Schatten bleicher geworden wären, aber das Licht der untergehenden Sonne konnte ihn täuschen, und ruhig und regungslos verharrte sie in ihrer Stellung und erwiderte auch noch kein Wort, als Felix schon eine Zeit lang geschwiegen, als ob sie erwartete, daß er noch einmal fortfahren würde. Endlich sagte sie mit ihrer abgemessenen, leidenschaftslosen Stimme:
»Herr Graf, Sie trauen mir in der That viel Discretion zu, daß Sie mir solcher Art die innersten und zartesten Geheimnisse Ihrer Verwandtschaft mittheilen: ich weiß nicht, ob Sie gut daran thun.«