»Frau Gräfin,« rief Felix, »ist des denn möglich, daß ein menschliches Wesen solche Selbstbeherrschung zu üben vermag, wenn – aber jetzt kann es nichts helfen,« unterbrach er sich rasch, »wir verlieren die kostbare Zeit hier mit einem Wortspiel; Sie müssen Alles wissen: so vernehmen Sie denn, daß Helene erst vor unserer Abreise von dort, vor unserer Vermählung erfahren hat, wer ihre wirkliche Mutter ist – daß sie dabei fühlt, wie sie nie von ihr anerkannt werden kann und wird, es auch nicht verlangt. Das Geheimniß soll bleiben, wie es bis jetzt gewesen, fest und undurchdringlich und nie gebrochen von unseren Lippen – aber Helenens Seele drängt nach dem Augenblick, wo sie einmal an dem Herzen der Mutter liegen, nur einmal den theuren Namen nennen darf, den sie bis jetzt nur von einem Wesen gekannt hat, das sie nie geliebt. Oh, wenn Sie wüßten, was das arme Kind gelitten,« fuhr der junge Mann lebendig fort, als die Gräfin schwieg und leise mit dem Kopf schüttelte – »wenn Sie ahnen könnten, wie es sie mit allen Fasern des Herzens hierher gezogen, nur einmal die Kniee der Mutter umfassen und einmal ihr müdes Haupt an ihre Brust legen zu dürfen, Sie würden Mitleid mit ihr haben...!«

»Herr Graf, nicht weiter, wenn ich bitten darf,« unterbrach ihn die Gräfin, »denn irgend ein Geheimniß liegt hier zu Grunde, das Sie im Begriff sind, einer völlig unbetheiligten und demselben fernstehenden Person zu enthüllen. Hier muß ein Irrthum obwalten, und ich – will nicht weiter nachforschen, inwieweit Sie mich selber da hineingezogen; daß es mir aber nicht angenehm sein kann, werden Sie einsehen, und ich ersuche Sie deshalb, kein Wort mehr darüber zu verlieren.«

»Kein Wort mehr davon?« wiederholte Rottack staunend; »und ist es möglich, daß – aber nein,« unterbrach er sich rasch, »Sie glauben sicherlich, daß nur eine vage unbestimmte Vermuthung mich zu dem Schritt getrieben. Sehen Sie her, Frau Gräfin – kennen Sie diesen Brief? Kennen Sie die Handschrift dieser Zeilen? Dort liegt der andere Brief, den Sie heute Morgen die Güte hatten, meiner Frau mit der Anzeige Ihres heutigen Kommens zu senden – kennen Sie diesen Brief?«

Die Gräfin hatte einen flüchtigen Blick über die Zeilen geworfen, und so riesenstark sie bis jetzt Alles zurückgehalten, was ihre Seele bewegen oder auch nur in Miene oder Ausdruck ihr inneres Gefühl verrathen konnte – dieser Beweis gegen sie kam ihr zu rasch und unerwartet. Ihre Wangen erbleichten sichtlich, und die Hand, welche das Papier hielt, zitterte – aber nicht so lange, als sie Zeit gebrauchte, den Brief zu lesen; ihre Stirn zog sich in Falten; den kleinen, feingeschnittenen Mund umzuckte Trotz und Ärger, und mit finsterem Blick, aber vollkommen fester Stimme sagte sie:

»Also die Ähnlichkeit einer Handschrift soll hier gemißbraucht werden...«

»Um Gottes willen, halten Sie ein, Frau Gräfin,« rief Felix rasch und erschreckt, »auch nur der Schatten eines solchen Argwohns wäre furchtbar! Dieses Papier ist der einzige Beweis auf der weiten Gotteswelt, den wir gegen Sie haben – sehen Sie hier!« – Noch während er sprach, hatte er das Papier wieder aus ihrer Hand genommen und an einem auf dem Kaminsims stehenden Feuerzeug ein Streichholz entzündet; er hielt den Brief darüber – er flackerte auf, und nachdem er ihn zwischen den Fingern hatte vollständig verbrennen lassen, warf er die Asche auf den leeren Rost. – »Glauben Sie jetzt noch, daß hier von einem Mißbrauch die Rede sein kann?«

Die Gräfin hatte sich ebenfalls erhoben, und ihr Blick haftete scharf und forschend auf den edlen Zügen des jungen Mannes. Mit vollkommen wiedererlangter Fassung regte sich aber auch nicht eine Muskel ihres starren Antlitzes, und sie sagte ruhig:

»Ich habe das nicht anders von Ihnen erwartet, Herr Graf. Die Handschrift war allerdings täuschend ähnlich; aber Sie werden auch fühlen, daß ein weiteres Gespräch über diesen Gegenstand nur für beide Theile peinlich werden müßte. Ich glaube, mein Wagen ist vorgefahren.«

»Mutter!« sagte da eine weiche, schmerzdurchbebte Stimme, und als die Frau fast unwillkürlich den Kopf danach wandte, stand Helene, die Augen in Thränen gebadet, die Hände gefaltet, das Antlitz leichenbleich, auf der Schwelle.

Fast unwillkürlich wandte sich die Gräfin halb ab, als ob sie den Platz rasch verlassen wolle; wenn das aber ihre Absicht gewesen, so siegte doch ihr besseres Gefühl.