»Ihre Frau sieht recht angegriffen aus, Herr Graf,« sagte sie; »es thut mir leid, die unschuldige Ursache einer solchen Täuschung gewesen zu sein, aber ich hoffe und wünsche nicht, daß das unsern weitern Verkehr stören möge. Es wird mich immer freuen, Sie Beide bei uns zu sehen.«
Sie wollte fort, aber es war, als ob sie nicht konnte, als ob ihre Füße selber am Boden wurzelten; und Helene kam auf sie zu, langsam und wie ohne eigenen Willen, und ihre Hand faßte die der Gräfin und zog sie an ihre Lippen, und ihre Kniee beugten sich vor der strengen, harten Frau. Aber ehe sie dazu kam, hatte Gräfin Monford ihren Arm gefaßt, und sich an Felix wendend, rief sie:
»Ihre Frau ist krank, Herr Graf, haben Sie Acht auf sie – geistige Überreizung zieht manchmal ebenfalls nachtheilige Folgen nach sich; erklären Sie ihr den Irrthum, das wird sie beruhigen – ich werde morgen nachfragen lassen, wie sie die Nacht geschlafen hat. Wie sie zittert, die arme Frau – Sie dürfen sich nicht so aufregen, liebes Kind – ich hoffe, daß wir uns recht bald wiedersehen, Herr Graf!« Und sich leicht, aber stolz verneigend, während Felix zu Helenen gesprungen war und sie unterstützt hatte, verließ sie den Saal, ohne auch nur noch einmal den Blick zurückzuwenden.
Draußen hielt in der That der Wagen, den der Bediente auf des Grafen strengen Befehl nicht anzumelden gewagt hatte. Wenige Minuten später hörten sie das Knirschen der Räder auf dem Gartenkies, und Helene, ihr Haupt an der Brust des Gatten bergend, rief leise und weinend:
»Verloren – auf immer verloren!«
16.
Vornehme Welt.
Gräfin Monford war draußen in ihren Wagen gestiegen und hatte sich nur mit dem einen kleinen Wort »Nach Hause!« zu dem Bedienten, der den Schlag für sie offen hielt, in die Ecke gelehnt. Die Pferde zogen an und der Kutscher hielt draußen rechts ab, um das Gewirr der Schützenwiese zu vermeiden. Es war heute der letzte Tag dieses Volksfestes, und das Gedränge und Toben und Schreien auf dem Platz besonders arg. Noch konnte er aber kaum dreihundert Schritt gefahren sein, als er wieder einzügelte, und als die Gräfin, unzufrieden damit, den Kopf hob, erkannte sie George, der dem Kutscher ein Zeichen gegeben hatte, und den jungen Grafen Hubert zu Pferde, die rechts und links an der Droschke hielten und sie begrüßten.
»Aber, Mama, so lange bist Du bei Rottacks geblieben?« rief George, indem er sein muthiges Pferd kaum zum Stehen brachte. »Nicht wahr, es sind liebe Leute? Ich hatte eben nicht übel Lust, mit Hubert einmal vorzureiten und ihn mit dem Grafen bekannt zu machen.«
»Ah, lieber Hubert, wie geht es Ihnen und Ihrer guten Mutter?« sagte die Gräfin, dem jungen Grafen Bolten freundlich zunickend – »thue das heute lieber nicht, George; die junge Gräfin hat heftige Kopfschmerzen bekommen, und ihr Mann wollte eben nach einem Arzt schicken.«
»Das bedauere ich in der That. Es wird doch nichts von Bedeutung sein?«