»Gehen Sie wieder zu dem Kranken hinein, Doctor, ich will nach Hause fahren. Ich glaube, Ruhe wird ihm am wohlsten thun. Gute Nacht, Doctor. Morgen früh bitte ich Sie, mir Nachricht zu senden, wie Sie ihn verlassen haben."
»Sehr gern, Herr Graf, ich werde nicht ermangeln – da draußen haben sie ja auch einen Verwundeten...«
»Einen Verwundeten?« fragte der Graf hastig und erschreckt.
»Den alten Förster. Sie brachten ihn eben in's Haus, wie ich ankam, aber es scheint nichts Gefährliches zu sein. Nur ein Schnitt oder ein Hieb durch's Gesicht – er war von Blutverlust wahrscheinlich ohnmächtig geworden. Ich werde dann gleich nach ihm sehen.«
Der Graf zog seinen Überrock allein an, denn die Diener waren alle hinausgegangen, nahm seinen Hut, nickte dem Arzt noch einmal zu und verließ das Haus, um sich erst der Richtung hinter dem Schlosse zuzuwenden, wo er noch die Fackeln sah.
Allgemeine Bestürzung herrschte indessen auch unter der Dienerschaft, der das Vorgefallene natürlich kein Geheimniß bleiben konnte, ja, die das eigentlich Geschehene sogar schon früher wußte, als die Herrschaft selber. Der junge Gärtnerbursche hatte nämlich erzählt, daß er, als er im Park heraufgekommen wäre, ein paar Frauen bemerkt hätte – Damen mit großen, weiten Kleidern, die rasch den Weg hinabgeeilt wären und von denen die eine etwas Schweres getragen hätte. Vorher aber habe er einen Wagen unten am Drahtthor halten sehen, und ein Herr dort habe ihn gefragt, ob die Tafel schon begonnen hätte. Er glaubte damals, daß der Herr mit zu den Gästen gehöre, vielleicht einer der Rittergutsbesitzer aus der Nachbarschaft, der den Weg durch den Wald gekommen sei; nur daß er nicht mitging oder das Thor nicht geöffnet haben wollte, wunderte ihn – auf was wartete er denn noch? Aber er mußte sich selber eilen, daß er das Tractement nicht versäumte. Die Damen, denen er nachher begegnete, machten ihn stutzig, und er erzählte, was er gesehen, dem einen Lakai, der jetzt seinerseits die Kammerjungfer der gnädigen Comtesse suchte, sie aber nirgends finden konnte. Ehe man aber der Herrschaft selber Mittheilung davon machen konnte, war die Flucht der Comtesse oder wenigstens ihre Abwesenheit schon bemerkt, und der Bericht des Gärtners konnte nur die Richtung andeuten, die sie genommen. Bald darauf sprengte Graf Bolten fort, und gleich danach fiel der Schuß in derselben Gegend.
Der Haushofmeister hatte eine Anzahl von Pechfackeln herausschaffen lassen, um sie heute vielleicht beim Heimfahren der Herrschaften zu verwenden. Mit einigen von diesen machte sich nun eine Anzahl junger Burschen, darunter der Forstgehülfe, auf, um den Park abzusuchen, und da sie sich auf den Wegen vertheilten, trafen sie hier auf den ohnmächtig gewordenen alten Förster, den sie jetzt zurück zum Schloß trugen. Mehrere wurden freilich nach dem Drahtthor geschickt, um dort nach dem Wagen zu sehen, aber der war natürlich fort. Nur die Gleise desselben fanden sie im Sande, wo er gehalten, dann hatte er den dort einzigen Weg nach dem Dorfe eingeschlagen – aber wohin dann weiter? Im Dorf selber liefen vier Wege nach vier verschiedenen Richtungen ab – welchen hatte der Wagen nun verfolgt? Das Dorf lag auch zu weit, um dort jetzt nachzusehen; auch ging der Wind heut Abend ziemlich heftig, und sie hätten sich mit den Pechfackeln, die fortwährend Funken abwarfen, doch nicht zwischen die Strohdächer hineinwagen dürfen. Die Bauern würden es gar nicht gelitten haben.
Der Förster erholte sich übrigens sehr rasch wieder und kaum wie sie ihn in des Haushofmeisters Zimmer auf ein schnell hergerichtetes Lager gelegt hatten. Blutverlust mußte die Ursache seiner Ohnmacht gewesen sein, vielleicht auch der Schmerz der Wunde mit der Aufregung. Wie aber das vorquellende Blut gerann, hörte auch die Blutung von selber auf; der Alte sah aber schrecklich aus.
Der Schnitt ging ihm über dem rechten Auge weg quer über die Nasenwurzel und dann schräg die linke Backe hinab, den er vollständig geschlitzt hatte, daß er auseinander klaffte. Seine Kleider waren dabei bis hinab wie mit Blut getränkt, und die Leute fürchteten zuerst, daß er noch vielleicht eine andere und gefährlichere Wunde an sich habe. Er wurde deshalb ausgezogen und untersucht; es ergab sich aber glücklicher Weise nichts Derartiges, und als er wieder zu sich kam, bestätigte er auch, daß er nirgends sonst getroffen sei; nur den Schnitt habe ihm der verfluchte Kerl, der Maulwurfsfänger, gegeben, als er ihn beim Wildern erwischt, und die kleine Kröte, der Spitz, müsse ihn auch in die Beine gebissen haben – der eine Hinterlauf schmerze ihn schändlich da unten um die Wade herum.
Das erwies sich in der That so; die Hose war dort an drei oder vier Stellen zerrissen und das scharfe Gebiß der kleinen Bestie tief in das Bein eingedrückt, daß das Blut daran herunter gelaufen.