Also mit der Flucht der Comtesse hatte diese Verwundung, wie die Leute anfangs geglaubt, gar nichts zu thun. Dem alten Manne that aber besonders die zerschnittene Backe so weh, daß ihm das Sprechen außerordentlich schwer wurde. Er wollte noch etwas sagen, ließ es aber wieder sein und flüsterte nur das Eine Wort: »Doctor –« dann legte er den Kopf zurück, um sich auszuruhen. Der Doctor war aber noch drinnen beim Grafen und konnte nicht herausgerufen werden – er sollte sich nur noch ein klein Weilchen gedulden, er käme gleich.

Jetzt fuhren noch rasch hintereinander zwei Wagen vor, in denen die beiden anderen herbeigerufenen Ärzte saßen. Der eine von diesen wurde auch sofort bedeutet, daß er, so schnell er irgend könne, hinüber in des Haushofmeisters Zimmer käme, wo ein Verwundeter läge; vorher mußten die beiden Herren aber pflichtschuldigst zum Grafen hinein. Der eine fragte nur: »Was für eine Wunde?«

»Ein Schnitt durch's ganze Gesicht.«

»Nun, das ist nicht so gefährlich, ich komme gleich hinüber« – und damit war er rasch verschwunden, und der Förster mußte warten.

Bei dem Grafen aber konnten sie gar nichts thun. Er hatte sich wieder erholt, fühlte sich jedoch noch sehr angegriffen und beantwortete die an ihn gerichteten Fragen zuerst nur ganz unvollständig und dann gar nicht mehr, und winkte endlich mit der Hand – er wollte allein sein.

Die Ärzte zogen sich zu einer Berathung zurück, das heißt, keiner von ihnen wollte den andern fragen, was er über die Sache denke – er hätte sich dadurch etwas vergeben können –, sondern nur seine Meinung geltend machen. Der Hausarzt, ein Ober-Medicinalrath, behandelte die Sache auch sehr cavalièrement. – Es hatte nichts zu sagen: er kannte die Natur des Grafen – morgen würde nichts von der heutigen Schwäche übrig sein. Es war nur eine Nervenaufregung oder Überreizung, er hoffe das Beste. Die beiden anderen Herren waren ja doch nur aus Versehen, oder in der Angst, ihn nicht gleich zu treffen, gerufen worden.

Der zuerst gekommene Arzt widersprach dem vollkommen und hielt es für einen Nervenschlag, der vielleicht wiederkehren könne. Der Ober-Medicinalrath zuckte die Achseln – was half es ihm zu widersprechen! Er hatte die Behandlung des Kranken ja doch von jetzt ab allein, und die Consultation war eine bloße Höflichkeitsform. Er bat die Herren, ihn zu entschuldigen, da er noch einen andern Fall im Hause zu behandeln habe, und ging zu dem alten Förster hinüber.

Hier aber war nicht viel zu thun. Er nähte die furchtbare Wunde ziemlich gleichmüthig zu, wobei er sich erkundigte, woher der Alte den Schnitt habe, legte dann einen Verband um, betrachtete sich die Bißwunden, ließ sie auswaschen, verordnete kalte Umschläge und ließ sich dann von dem Haushofmeister ein Zimmer anweisen. Er wollte hier übernachten, falls die Frau Gräfin noch einmal nach ihm verlangen sollte.

Der alte Förster fühlte sich indeß durch das Zunähen der Wunde und den Verband sehr erleichtert; er ließ sich noch ein Glas Wein geben, um sich ein wenig zu stärken, und verlangte dann nach seinem Forstgehülfen.

Während er so da lag, war ihm doch die Sache mit dem Schuß, und daß er nachher noch ein Rascheln in den Büschen gehört hatte, im Kopf herumgegangen. Wenn er den Menschen nun doch, obgleich er blind in den Busch gefeuert und tief gehalten, getroffen? Der Forstgehülfe stand noch draußen und besprach die Familienverhältnisse mit einem der Lakaien, der höchst entrüstet über die Flucht war, denn das Kammermädchen schien Eindruck auf ihn gemacht zu haben, und nicht ihm einmal hatte sie sich entdeckt!