Unberührt von dem Allen saß indessen der Held des vorigen Theaterabends, Horatius Rebe, in seinem kleinen, ärmlichen Dachstübchen und träumte den verlebten seligsten Tag seines Lebens noch einmal durch.
Er wußte von Allem nichts, weder von Handor's wirklichem Durchgehen, noch von den Ereignissen, die sich in dem ihm überdies vollkommen fremden gräflich Monford'schen Hause zugetragen, und das doch eigentlich die directe Ursache seines gestrigen Triumphes gewesen.
Das Herz zum Zerspringen voll von Glück und Seligkeit, gab er sich ganz dem einen erhebenden Gefühl hin, endlich seinen Beruf gefunden zu haben, daß seine Zuversicht, sein Vertrauen zu sich selbst ihn nicht getäuscht und daß er im Stande gewesen, nicht allein dem Publikum, nein, auch sich selber zu beweisen, er verdiene den Namen eines Künstlers und sei besser als das, wozu man ihn bis jetzt gemacht und gebraucht: ein Ausfüllsel für werthvollere Stoffe.
Wie hatte ihn bis jetzt Alles unterdrückt und unter die Füße getreten, vom Director nieder bis zum Souffleur, der ihm ja hier in seinem eigenen Zimmer gesagt, daß er lieber Schuster oder Schneider werden, aber jedenfalls die Bühne verlassen solle, weil er kein Talent dafür habe! War ihm denn auch nur von Einer Seite Aufmunterung und Trost geworden – nur von Einer Seite? Aber ja, Henriette; sie allein hatte ihn immer getröstet, wenn er schon verzweifeln wollte, sie allein war lieb und freundlich mit ihm gewesen und hatte den armen Ausgestoßenen nie fühlen lassen, wie verloren und verlassen er in der Welt stehe. Und würde er sie wiedersehen? Gott allein wußte es; denn er ging heute Morgen einen ernsten Gang, und jeden Augenblick erwartete er den Freund, einen alten Commilitonen, der hier bei einem Arzt als Famulus eingetreten war, zurück, um zu erfahren, welche Zeit er mit Herrn Handor für ihr bestimmtes Rencontre ausgemacht und besprochen habe.
Und wenn er fiel? – dann mit Gott, er fiel doch ehrenvoll! Er hatte bewiesen und beweisen können, daß er den Kampf nicht muthwillig und in Überschätzung seiner eigenen Kräfte gesucht, sondern daß er dazu durch ungerechtfertigte Mißhandlung und Heruntersetzung gezwungen worden.
In diesem Augenblick klopfte es an die Thür, und ehe er noch »Herein« rufen konnte, öffnete sich diese und der Erwartete trat ein.
»Nun, Frank, wie steht's?« rief ihm Rebe entgegen. »Wann ist die Zeit? Je eher, desto besser!«
»Höre, Rebe,« sagte der junge Mann, »wenn Du absolut schlagen willst, so mußt Du Dir schon einen Andern suchen, denn Handor ist fort!«
»Fort?«
»Ich hörte schon gestern Abend darüber munkeln, mochte Dir aber nichts davon sagen, bis ich mich selber überzeugt hätte; aber es hat seine Richtigkeit. Ausgekniffen nach allen Regeln der Kunst; aber wohl kaum des Duells wegen, sondern mit einer jungen Dame aus einer der ersten Familien der Stadt, der Comtesse Monford, und mit Hinterlassung eines negativen Vermögens von circa zwanzigtausend Gulden.«